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Live On Stage

   
 

DEEP WEB-Live Performance

Pulsierende Räume, aufblitzende Linien

Ebenen auf Säulen aus Licht. Foto: OHA

August 2019. Unter dem Namen DEEP WEB haben der Lichtkünstler Christopher Bauder und der Klangkünstler Robert Henke eine großräumige audiovisuelle Installation geschaffen, die nioch bis zum 23.08.2019 täglich im Kraftwerk Berlin zu sehen ist. An einigen Abenden sind die Künstler vor Ort und steuern die Performance live.

Das Kraftwerk in Berlins Köpenicker Straße ist von außen ein schmuckloser Industriebau, geradezu provozierend einfalls- und trostlos mit seiner grauen Blechverkleidung, die man sonst eher in Gewerbegebieten in der Peripherie sieht. Umso beeindruckender das Innere. Eine riesige Halle aus einem Stahlbetonskelett mit zwei Ebenen, in der einst voluminöse Generatoren gestanden haben.

Bewegliche Kugeln und Laser, gesteuert und programmiert von Christopher Bauder am Computer. Foto: OHA

Eine Treppe führt hinauf in den Veranstaltungsraum, vermutlich die einstige Generatorenhalle. Das für Berlins Zentrum typische internationale Publikum hat sich bereits umstandslos auf den Boden gesetzt und schaut erwartungsfroh in die Runde und an die Decke, an der 175 weiße Kugeln an einzeln ansteuerbaren Motoren hängen. Am Eingang bekommt man die Flyer der Kinetic Lights Winches, die hier zum Einsatz kommen werden und jeweils bis zu 3 Kilogramm Gewicht tragen können. Gedacht sind sie, um damit beispielsweise LED-Lampen in Position zu bringen. Über spezielle Steuerungsgeräte und Software lassen sich so einzelne oder auch hunderte gleichzeitig in verschiedene Richtungen bewegen.

Bei Deep Web hängen jedoch nicht Lampen an den elektrischen Winden, sondern Kugeln, die erst durch den gezielten Strahl eines Lasers in der jeweiligen Farbe erleuchten. Die Laserstrahler befinden sich seitlich an den Säulen der Halle und zielen punktgenau auf die Mitte der anvisierten Kugeln. Der Lichtkünstler und Designer Christoph Bauder hat sich mit diesem Projekt einen lang gehegten Traum verwirklicht und für die Performance komplexe geometrische Muster erschaffen.

Räume und Körper aus Linien, Licht und Farbe. Foto: OHA

Mit dunklem Dröhnen und Zischen aus verschiedenen Richtungen beginnt der einstündige Soundtrack von Klangkünstler Robert Henke (Hörtipp: Floating Point – 2015 Remastered). Der Mann ist in der Elektronischen-Musik-Szene kein Unbekannter, sondern veröffentlicht und tritt seit Jahren auf und hat einst die Musiksoftware Ableton mitentwickelt. Vereinzelte grüne Linien durchziehen die 30 m lange, 20m breite und 10 m hohe Installation. Die gnadenlos geraden Laserstrahlen werden von den Kugeln scheinbar aufgenommen und umgelenkt und erinnern so an die Knotenpunkte des Internet oder Modelle von Atomen.

Nach und nach organisieren sich die Kugeln in Reihen und bilden in Schlangenlinien die Gipfel eines aufblitzenden Gebirges dessen Flanken die von unten strahlenden Laser sind. Eine Stunde lang steuern die beiden anwesenden Künstler die wohl weitgehend vorprogrammierte Performance zu immer neuen geometrischen Formen und pulsierenden Räumen. Wo der französische Elektro-Pionier Jean-Michel Jarre (Oxygene) elektronisch produzierte Lieder mit imposanter Lasershow untermalt, bleibt Deep Web bei abstrakter elektronischer Klangkunst ohne jede Melodien oder wiederkehrende Harmonien, die andächtig vom Publikum aufgenommen wird.

Wellen aus Licht. Foto: OHA

Nach 60 Minuten erlischt der digital gesteuerte audiovisuelle Zauber und die Künstler erheben sich hinter ihren Monitoren. Die Halle des Kraftwerks liegt wie das Dark Web wieder geheimnisvoll im Dunklen und wartet auf die nächste künstlerische Erleuchtung.

Oliver Hafke Ahmad

Die DEEP WEB Art-Exhibition ist noch bis 23.08.2019, täglich 15:00h bis 21:00h zu sehen.

www.deepweb.art


A L'Arme! Festival 2019

Elfen-Rock, Blues Messe und elektronisches Lagerfeuer

Blues-Melodien und geradezu religiöses Mitteilungsbedürfnis: Matana Roberts. Foto: OHA

Ein unerwartet leises und geradezu religiös, fast esoterisch anmutendes Konzert hat die afroamerikanische Saxophonistin Matana Roberts gegeben, eine Blues-Messe. Trotz kämpferischem Outfit in Camouflagemuster und Stiefeln spielte sie auf Ihrem Altsaxophon sehr wohlklingende melodiöse Linien, sprach viel zum Publikum und brachte es in einem Gottesdienst ähnlichen Call-and-Response zum Singen „hmmm“. „The Saxophone is my friend since I am 17 years old“ erklärte sie uns. Die Lösung zu allen Problemen in der Welt liege in uns selbst, das Publikum antwortet „hmmm“. Statt brüllender Anklage verspricht uns Matana Roberts Weltrettung durch Gemeinschaft, Innerlichkeit und Verantwortungsbewusstsein, das Publikum antwortet im Einklang „hmmm“.

Gefrickel unter den Augen einer Action-Cam: Groupshow. Foto: OHA

Das Berliner Trio Groupshow versammelt sich zu Dritt an einem Tisch voller elektronischer und akustischer Geräte, verbunden in einem undurchschaubaren Kabelwirrwarr. Das Publikum setzt sich im Rechteck um die Künstler herum wie an einem elektronischen Lagerfeuer. Auf vier Leinwänden über den Köpfen der Musiker kann das Publikum all das Gefrickel an den Reglern beobachten, das eine kleine Kamera über dem Tisch auffängt. Während Hanno Leichtmann vor Teilen eines Drum-Sets steht und minimalistische Rhythmen an Becken, elektronischer Bass-Drum und Snare erzeugt, bedient Andrew Pekler eine Gitarre und diverse Effektgeräte, die das Saiteninstrument kaum wiedererkennen lassen. Jan Jelinek versenkt sich über einen Sampler und es entsteht eine hypnotische Klangfläche, der sich kaum entziehen lässt.

Zum nächsten Konzert heißt es Treppen steigen, fünf Stockwerke hinauf ins Studio A, wo sonst Sascha Waltz und andere Tanzgruppen proben. Deutlich mehr am klassischen Free Jazz orientiert sind das deutsch-norwegische Lana Trio mit Plattenspieler-Künstlerin JD Zazie. Die Posaune von Henrik Munkeby Nørstebø blubbert tieftönig und durch große Lautsprecher mächtig verstärkt, das Klavier von Kjetil Jerve perlt atonal durch die Register und Drummer Andreas Wildhagen antwortet auf das Knistern von JD Zazies Turntables. Besonders bleibt in Erinnerung ein Stück voller Glockenklänge, erzeugt an den tiefen Saiten des Klaviers.

Das A L'Arme!-Festival geizt auch an diesem Freitagabend nicht an Programm, ganz im Gegenteil wird das Aufnahmevermögen des Publikums durch die acht Sets eher auf die Probe gestellt. Denn erst kurz vor Mitternacht kommt die elfengleiche Norwegerin Natalie Sandtorv auf die Bühne des Radialsystem. Weißblonde lange Locken und ein weiter weißer Umhang umwallen das nordische Energiebündel. „Freedom Nation“ heißt ihr Projekt und einer der Songs des aktuellen Albums, das Rock, Noise, Jazz und Elektronik verbindet. Als Stargäste ergänzen Trompeter Nils Petter Molvaer Gitarristin Hedvig Molestad das Ensemble, die hier nicht wie in ihrem eigenen Trio als Rock-Vulkan auftritt, sondern als zurückhaltende Klangkünstlerin die Saiten ihrer Gitarre mit einem Bogen streicht.

Neben dem Tenorsaxophonisten Jonas Flemsæter Hamre und dem Keyboarder Ivan Blomqvist spielt in der Band auch der Ehemann der Sängerin Ole Mofjell in Heavy-Metal-Manier mit weit über sich und senkrecht nach unten hängenden Becken. In Sandtorvs emotionalem Stil und ihrer wilden Bühnenpräsenz ist das Vorbild Björk nicht zu überhören und übersehen. Zum Schluss kommt noch der Berliner Saxophonist Philipp Gropper auf die Bühne und darf im reichlich waberndem Bühnennebel zwei Stücke mit der Band spielen. Nach einer wirklich sinnvollen künstlerischen Erweiterung der Band sieht das nicht aus, hat die Band doch bereits einen Tenorsaxophonisten, der sich nun sichtlich unwohl fühlt und spielerisch zurückhalten muss. Trotzdem ist es ein weiterer gelungener Festivalabend an einem sehr vielseitigen Spielort mit vielen überraschenden Acts und Facetten experimenteller elektronischer Musik und Avantgarde-Jazz.

Oliver Hafke Ahmad


A L'Arme!-Festival 2019

Jazziger Pop und Fire!-Music

Düsterer elektronischer Jazz: Mats Gustafsson als Teil von Anguish. Foto: OHA

Nach einer elektronisch-akustischen Solo-Performance des Schlagzeugers Greg Fox enterte ein erstaunlich poppiges Trio die Bühne des siebte A L'Arme!-Festivals im Säälchen in Berlin Friedrichshain. Die norwegischen Gurls klingen weniger nach wütendem Riot als nach lockerer (Selbst-)Ironie im Geschlechterkampf. Musikalisch ist das, was die Saxophonistin Hanna Paulsberg, Lead-Sängerin Rohey Talaah und Kontrabassistin Ellen Andrea Wang darbieten wohl weniger Avantgarde-Jazz, als vielmehr schön minimalistischer, melodiöser und jazziger Soul-Pop. Kontrabass und Tenorsax legen häufig sehr simple Fundamente, über die Rohey Talaah ihre Texte singt. Gelegentlich gibt es ein kleines Solo und die beiden Instrumentalistinnen ergänzen Chorpartien. Ein Schellenring am Fuß der Saxophonistin ersetzt ein Schlagzeug. Musik mit viel Soul und guter Laune zum Mitklatschen.

Pop-Jazz mit Selbstironie im Gender-Diskurs: Gurls aus Norwegen. Foto: OHA

Ganz anders der dritte Act beim Eröffnungsabend. Hier bieten geradezu klischeehaft fünf düstere Typen richtig düstere und wüste Männermusik. Unter dem Namen Anguish und unter der Videoprojektion eines sich drehenden Totenschädels kommt ein amerikanisch-schwedisch-deutsches Quintett mit viel Elektronik (Hans-Joachim Irmler, Mike Mare) und richtigem Schlagzeug (Andreas Werliin), das dröhnenden Noise, anhaltende Drones, finsteren HipHop (Will Brooks) und brüllendes Saxophon miteinander verbindet. Saxophonist Mats Gustafsson (Leiter des wilden Fire!-Orchestras) zeigt sich einmal mehr als würdiger Nachfolger der 60er Jahre Fire-Music-Saxophonisten wie Archie Shepp, Gato Barbieri, Pharaoh Sanders, John Coltrane oder Peter Brötzmann. Gustafsson, der zwischendurch auch an elektronischem Equipment dreht, bläst in einem Stück minutenlang nur zwei Töne und erzeugt dabei mehr Ausdruck, als andere Improvisatoren mit Hunderten. Festivalleiter Lous Rastig hat hier am Eröffnungsabend gleich eines der absoluten Festival-Highlights gesetzt, ein Ensemble, das niemanden kalt lässt und sein Publikum und ihre Performer in eine rauhbeinige Trance versetzt, radikal und beeindruckend.

Oliver Hafke Ahmad


À L'Arme!-Festival 2019

An die Waffen Teil Sieben!

Am Mittwoch 31.7. startet in Berlin die siebte Ausgabe des Alarme-Festival für Avantgarde-Jazz und experimentelle Musik. Der erste Abend startet mit einer Solo-Performance des Drummers Greg Fox und wird gefolgt von dem Trio Gurls aus Norwegen. Das dritte Set spielt ein schwedisch-amerikanisch-deutsches Quintett um den Saxophonisten Mats Gustafsson.

In den folgenden Tagen kann man sich auf eine Begegnung von Nils Petter Molvaer und Hedvig Molestad freuen, sowie mehrere Großensembles und die Soloperformance von Saxophonistin Matana Roberts.

alarmefestival.de


Wassermusik 2019

Angélique Kidjo ehrt Celia Cruz, Voodoo-Rock und kolumbianischer Pop

Begeisterte ihre Fans mit kraftvollem Auftritt und ebensolcher Stimme: Angelique Kidjo. Foto: OHA

21.7.2019. Celia Cruz, die Legende der afrokubanischen Musik, sei wie ihre Mutter, verkündet die Sängerin aus dem westafrikanischen Benin, die in Paris Jazz studiert hat und dort seither lebt. Das führt dazu, dass Angelique Kidjos Versionen der Celia Cruz-Songs sich nicht allzu stark von den Originalen unterscheiden, nur eben afrikanischer klingen und weniger kubanisch. Quimbara, La Vida Es Un Carnival, Toro Mata und Bemba Colorá hat sie in ihr Live-Programm vom neuen Album mit aufgenommen. Neben Celia Cruz huldigt sie mit Pata Pata auch der Südafrikanerin Miriam Makeba und David Byrne's Talking Heads mit einer funky Version von Once In A Lifetime. Am Ende räumt sie die Bühne für Ihr Publikum und überlässt ihm die Show.

Explizite Lyrics und mitreißend aggressive Weiblichkeit: die queeren Chocolate Remix mit einer wilden Rap- und Tanz-Show. Foto: OHA

18.7.2019. Das dritte Wochenende des Festivals Wassermusik 2019 führt zunächst nach West- und Südafrika. Es startet am Freitag mit dem Ensemble B.C.U.C. (Bantu Continua Uhuru Consciousness) aus Soweto in Südafrika, die nicht nur zum Tanzen anregen wollen, sondern in ihren episch langen Stücken auch politische Mißstände thematisieren. Es wird gefolgt vom Voodoo-Rock, Afrofunk und HipHop der siebenköpfigen Gruppe Benin International Musical. Der Abend endet mit dem deutsch-schweizerischen Film Voodoo – Mounted by the Gods in der Regie von Alberto Venzago aus dem Jahr 2001.

Der Samstag ist nicht nur der kolumbianische Nationalfeiertag sondern gehört zunächst mit Maria del Rosario Frauenpower aus Kolumbien. Salsa, Cumbia und Salsa Choke sind die Mittel mit denen die Allround-Künstlerin, Sängerin und Tänzerin sich für feministische Themen einsetzt. Louis Towers ist Produzent, Sänger und Protagonist der kolumbianischen Champeta-Musik. Die Champeta verwendet westafrikanische Einflüsse und verbindet sie mit elektronischen Afrobeats, Rap und Reggaeton.

Am Sonntag steht mit Angélique Kidjo einer der aktuell größten Stars der afrikanischen Musik auf der Bühne von Wassermusik 2019. Auf Ihrem aktuellen Album widmet sie sich der afrokubanischen Legende Celia Cruz. Kidjo, die Sängerin mit dem markanten blonden Kurzhaarschnitt aus Benin, reafrikanisiert bekannte Salsa-Kompositionen aus Celia Cruz' Oeuvre wie La vida es un carnaval oder Quimbara. Unter dem Titel Chocolate Remix eröffnet die queere Rapperin Romina Choco Bernardo mit expliziten Texten Reggaeton, Cumbia und Electro den Abend. Im abschließenden Film Mother of George von 2013 kämpft ein nigerianisches Paar mit seiner Kinderlosigkeit.

www.hkw.de

Hatte beim ersten Wassermusik2019-Konzert eine tolle Band dabei und ist eine starke junge Stimme der afrobrasilianischen Musik: Luedji Luna. Foto: OHA


Wassermusik 2019

Milton Nascimento beim Auftakt von Wassermusik 2019 im HKW

Wurde vom Publikum frenetisch gefeiert: Milton Nascimento. Foto: OHA

Unter dem Titel Black Atlantic Revisited kehrt das exquisite Musikfestival Wassermusik 2019 zu einem Thema zurück, dass im Haus der Kulturen der Welt 2004 bereits Thema war: Black Atlantic. Das Projekt beruhte auf Paul Gilroys Buch The Black Atlantic: Modernity and Double Consciousness, in dem der Autor von einer Kultur des Schwarzen Atlantik erzählt, die nicht allein afrikanisch, amerikanisch, karibisch oder britisch (portugiesisch, spanisch, französisch) ist, sondern alles zugleich. Eine den Atlantik überspannende Kultur, in der die Musik eine Hauptrolle spielt.

Den Auftakt in dem ambitionierten Programm bildet am Freitag 5.7. eine der bekanntesten Stimmen der brasilianischen Popmusik Milton Nascimento. Der Sänger vereint seit den 70er Jahren mit Leichtigkeit Samba, Rock, Singer-Songwriting und Jazz in seiner Musik. Nascimento wird seinen Albumklassiker Clube da Esquina von 1972 und dessen Nachfolger Clube da Esquina 2 performen.

Eingeläutet wird der Abend auf dem Dach des Haus der Kulturen der Welt von der Sängerin Luedji Luna, in deren Musik sich afrikanische Gitarren, brasilianische Afoxé-Rythmen und zeitgenössisch-elektronische Elemente zu einem mitreißenden Strom vereinen und von einer ausdrucksstarken und einfühlsamen Stimme gekrönt werden. Sie ist nur eine der vielen interessanten Künstlerinnen, die es bei Wassermusik 2019 bis zum 27.07. jeweils am Freitag und Samstag zu entdecken gibt.

Der Abend endet mit einem Kurzfilm und einem Spielfilm. Das erste ist eine Tanzperformance zur Musik von Saxophonlegende John Coltrane Alma no olho/Soul in the Eye aus dem Jahr 1973 von Filmemacher, Schauspieler und Aktivist Zózimo Bulbul über das Thema der Befreiung von der Sklaverei. Anschließend kämpft in dem Film Besouro aus dem Jahr 2009 in der Regie von João Daniel Tikhomiroff ein Capoeirista gegen Zwangsarbeit und Rassismus.

Mehr unter www.hkw.de


Technosphärenklänge #6

Getanzte Technikdystopie

Begehrenswert: Roboterarm in der Performance Alia: Zu tài. Foto: OHA

Robotiktanzperformance und Mouse On Mars Dimensional People Ensemble im Doppelprogramm im Rahmen der Reihe Technosphärenklänge im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Eine schneeweiße Bühne, gleißend weiß angestrahlte aseptische Folienoberflächen an allen Seiten, wie in einem Labor. Links und rechts ein Monitor, Kabel, eine Tastatur und eine Art Armprothese. Eine Tänzerin mit schwarz geschminktem Gesicht erscheint, startet den Computer, endlose Zeichenreihen füllen den Bildschirm, der Arm beginnt sich am Boden zu winden wie eine Raupe, ein Baby, das noch nicht laufen kann. Sie nimmt den kabelgebundenen Arm auf und hält ihn zärtlich umsorgend wie ein Baby. Die Szene und die Prothese mit ihrem wirbelsäulenförmigen Mittelteil erinnert an das unheimlich Lebewesen aus dem Film Alien.

Es bleibt unheimlich als die zweite Tänzerin erscheint und die beiden sich in einem Kampf verwickeln. Später kommt ein riesenhafter und dürrer ganzkörpertätowierter Tänzer hinzu, dem ein Roboterarm aus dem Bauch zu wachsen scheint und nur durch einen Schnitt mit einem Messer davon befreit werden kann. Zur Performance Alia: Zu tài (was soviel wie Andere: Konfiguration heißt) von von Soundkünstler und Performer Marco Dunnaruma und Choreographin Nunu Kong erklingt maschinenhaftes Dröhnen und Brummen. Die Choreographen dieses Stückes sehen in der Robotertechnologie eine alptraumhafte Welt, mit Menschen, die Gefühle zu ihren Maschinen hegen und Maschinen, die die Körper in Besitz zu nehmen scheinen, aus ihnen herausbrechen. Es ist eine getanzte Technikdystopie.

Zach Condon: eine der Stimmen in Mouse On Mars' Dimensional People Ensemble. Foto: OHA

Zum zweiten Akt des Abends wird die Bühne von einem Dutzend Helfern komplett abgebaut und das wahnwitzige Kabelwirrwarr der Band Mouse On Mars aufgebaut. Das seit 1993 bestehende Duo um Gitarrist Andi Thoma und Elektroniker Jan St. Werner wird ergänzt um das Dimensional People Ensemble: Trompete, Posaune, Perkussion, Gesang. Dazu kommen die Sonic Robots von Moritz Simon Geist. Auch Lichtmann und Soundmixer gehören zum Ensemble. Mehrere Kästen gefüllt mit farbigen Neonröhren stehen neben den Musikern. Bewegliche Scheinwerfer bilden einen Kreis in der Mitte. Die Dunkelheit wird trotzdem nur selten zumeist flackernd durchbrochen. Die Band steht und sitzt überwiegend im Dunkeln zwischen ihren Instrumenten, Mischpulten, Laptops, Controllern und Effektgeräten. Die Sonic Robots sind Schlagzeugteile, die nicht von Hand gespielt werden, sondern von an dem Rims montierten elektromechanischen Schlägeln, die zudem mit einem Lichtimpuls verbunden werden.

Mouse On Mars kreieren auf der Bühne und auf dem neuen Album Dimensional People rhythmisch wilde, komplexe und treibende Klangfächen, irgendwo zwischen World Music, Elektro und Minimal. Kleinteilige Gitarrenloops und vokale Einwürfe von Andi Thoma, bilden ein Geflecht mit dem Schlagzeugspiel von Andrea Belfi, den Sounds und Effekten von den Laptops und den Bläserlinien u.a. von Benjamin Lanz an der Posaune.

Das Roboterhafte fügt sich hier bei Mouse On Mars zu einem organischen Miteinander mit dem Analogem, Menschlichem oder zumindest Handgespieltem. Vereinzelt nähert sich das abstrakte Klanggeflecht bestimmten erkennbaren Popmusikstilen an, wie dem Dub-Reggae im Track Daylight oder in Resumée, gesungen von Zach Condon. Von all den Automatismen der Software auf den Laptops und in den Effektgeräten geht nichts bedrohliches aus, es ist eher etwas unausweichliches und hypnotisches darin. Mouse On Mars feiern in ihren konsequent freien Kompositionen das babylonische Stil- und Klang- und Sprachgewirr des Internet- und Computerzeitalters.

http://www.ctm-festival.de/

www.mouseonmars.com

spotify.com


Jazzfest Berlin 2018

Freiheit für den Jazz, Einschränkung für die Medien

Update 5.11.2018. „Das Jazzfest wird weiblich“ haben wir an dieser Stelle bereits vor zwei Jahren getitelt, lange bevor Wirklichkeit wurde, dass nämlich das Jazzfest tatsächlich von einer weiblichen Künstlerischen Leiterin geführt wird. Die Leitung des ersten und wohl immer noch bedeutendsten deutschen Jazzfestivals war über 50 Jahre Domäne von Männern, obwohl im Hintergrund, in der Produktion der Berliner Festspiele und in den Redaktionen der stark involvierten öffentlich-rechtlichen Sender der ARD natürlich immer auch Frauen mitgearbeitet und mitentschieden haben, was beim Jazzfest Berlin auf die Bühne kommt und was gesendet wird oder eben nicht.

Nun ist mit Nadin Deventer erstmals eine Frau in der ersten Reihe, eine begeisterte Kulturmanagerin und Netzwerkerin, die ihren Weg aus dem Ruhrgebiet (Ruhrtriennale) in die Hauptstadt zum Veranstalter des Jazzfests den Berliner Festspielen gefunden hat. Eine nahbare Frau, die den Kontakt zu allen Beteiligten, aber auch den wichtigen (und männerdominierten) europaweiten Seilschaften im Hintergrund (European Jazz Network) sucht und pflegt, die Gestaltungswillen und -freude zeigt und ein paar Ideen im Gepäck hat und sie auch durchsetzt.

Nichts davon ist wirklich revolutionär, (es gibt neben den Festivalkonzerten auch Filme, Diskussionspanels, Workshops, Kinderprogramm, Kunstprojekte, Ausflüge in andere Locations und Clubs außerhalb des Festspielhauses, eine Imbissbude / Foodtruck vor dem Haus und eine maskenbewehrte Performance des KIM-Collective im Keller unter der Drehbühne). Vieles davon gibt es an anderer Stelle schon längst, aber es weht dennoch ein frischer optimistischer Wind, auch wenn der für viele beteiligte Journalisten an vielen Stellen von Nachteil ist und für Nackenschmerzen sorgt.

Der Zugang zu den Konzerten ist für Journalisten stärker limitiert, statt im Konzertraum das Geschehen verfolgen zu dürfen, sollen Rezensionen von den Videoübertragungen in die Hausbar geschrieben werden. Das ist für manchen an den Konzerten weniger und am Talk mit den Kollegen mehr interessierten Berichterstatter sicher okay, für wirklich an der Musik Interessierte aber zu viel der Ablenkung und zu wenig an Unmittelbarkeit.

Auch die Fotografen werden immer mehr gegängelt und viele werden vom Konzertgeschehen ganz fern gehalten und stattdessen auf die Soundchecks verwiesen. Das mag aus der Warte der Zuschauer richtig sein, die vom Dauergeklicke der Fotoapparate undisziplinierter und rücksichtsloser Fotografen in der Vergangenheit oft zu Recht genervt waren. Aus der Warte der Musikfotografen, die jahrelang privilegiert in der ersten Reihe sitzen konnten, war und ist das Jazzfest aber immer noch eine ergiebige Quelle für den Aufbau ihrer Archive und der Dokumentation von Konzertgeschehen der jeweiligen Zeit. Dies ist nun nur noch der Hausfotografin und einer nur noch sehr kleinen Gruppe bis auf weiteres geduldeter Kollegen erlaubt. Ein Rückschritt in Sachen Pressefreiheit, ein Fortschritt in Sachen bürgerlicher Ruhe und Ordnung und wieder ein Stück Berliner Freiheit und Wildwuchs weniger.

Auftakt Haus of Jazz

Jeder Tag des Jazzfest Berlin 2018 steht unter einer Überschrift. Der Donnerstag als Eröffnungstag unter Haus of Jazz (wir waren nicht zugelassen, können daher nur aus zweiter Hand berichten) mit parallel im Haus stattfindenden Konzerten, die für viel Bewegung aber auch für Frust bei denen gesorgt, die entweder nicht dorthin gelangt sind, wohin sie wollten, oder immer das Gefühl hatten, an anderer Stelle etwas zu verpassen. Interessant die Titelgebung des ersten Festivaltags, denn die Berliner Jazzszene streitet sich seit einiger Zeit darum ob das von Trompeter Till Brönner lancierte und geforderte House of Jazz nun eine gute Idee ist oder nicht, wer dann dort spielen darf und wer nicht und vor allem, wer dann dort bestimmen darf und wer nicht. Bringt sich Frau Deventer mit ihrem Haus of Jazz beim Jazzfest Berlin 2018 schon mal in Position auf eine künftige Leitungsstelle, falls sich endlich ein langfristiger Geldgeber für dieses Projekt findet? Oder will sie die Szene ein bißchen kitzeln: seht her, ihr diskutiert noch über ein House of Jazz, meines steht bereits!?

Freitag: Video- statt Konzert-Rezensionen

Friday Blast war der Tag an dem die Chicagoer Szene sich präsentierte (hier konnten wir uns von den Videoübertragungen nur einen deutlich getrübten Eindruck verschaffen). Die Bornemann Bar im ersten Stock des Foyers steht für jedermann offen, auch wer kein Ticket zu einem der Konzerte hat, darf im Foyer sein. Eine Videoleinwand überträgt die Konzerte von der Hauptbühne. Die Irreversible Entanglements von Carmen Ayewa aka Moor Mother verbinden einen freies Jazzkonzept mit Poetry und elektronischen Einflüssen. In einem zweiten Konzertteil performte Moor Mother im Duo mit dem 78jährigen Saxophonist Roscoe Mitchell, der später noch als eines der letzten Originalmitglieder des Art Ensemble of Chicago auf der Bühne zu sehen sein wird. Mitchell vermeidet an seinem Instrument konventionelle Melodie- und Tonbildung und drückt sich fast ausschließlich in Flageoletttönen (Überblasen) und Effektsounds (Atemgeräusche) aus.

Fly Or Die heißt das Programm und das erste Album der Trompeterin Jamie Branch, das auch erschienen ist, wie sie auf ihrer Website im Video erzählt. Die in New York lebende, aber aus Chicago stammende Musikerin erinnert vom Outfit im Trainingsanzug und ihrer Körperlichkeit her an eine Jazzversion der Aussenseiter-Kunstfigur Cindy aus Marzahn. Ihr Trompetenspiel im Quartett mit Schlagzeug, Bass und Cello erinnert hingegen in seiner minimalistischen Dringlichkeit mit vielen langen Tönen oft an Miles Davis. Eine junge weibliche Jazzstimme jenseits der Konventionen an Instrumentenwahl und Schönheitsideale der zumeist männlichen Hörerschaft des Jazz.

Art Ensemble of Chicago: Innere Emigration statt Wut

Das mit Spannung erwartete Konzert des Art Ensemble of Chicago, das zuletzt vor 27 Jahren in Berlin war, hinterließ zwiespältige Reaktionen. Standing Ovations beim Saalpublikum und Ratlosigkeit bei Musikern („schlecht gespielt und geschrieben“) und teils auch Journalisten. Wer die volle Packung afrofuturistischem Powerjazz erwartet hatte, wurde mit einem kargen, kammermusikalischem Konzert enttäuscht, in dem fahle Cello- und Geigen-Linien auf Thereminheulen und Mitchells Experimentalsaxophon trafen. Die jubilierend losschlagenden afrikanischen bzw. afrokubanischen Perkussionsinstrumente klangen seltsam aus der Zeit und dem Raum gefallen, in diesem sehr europäisch verkopft, ja fast europäisch verstockt wirkenden Setting. Der große aforamerikanische Wutausbruch, den manche in Zeiten eines offen rassistischen US-Präsidenten vom Art Ensemble of Chicago erwartet haben, blieb aus. Der Auftritt wirkte eher resigniert, wie eine innere Emigration ins Intellektuelle und Obskure.

Jazzrock mit Vorschlaghammer

Ganz anders hingegen agierten Théo Ceccaldis Freaks, einem Konzert, dem der Autor dieser Zeilen gnädigerweise beiwohnen durfte trotz fehlendem Presseticket, obwohl der Raum nur halb gefüllt und keineswegs ausverkauft war. Der Band des französischen Violinisten mit dem trendigen Vollbart kann der musikalische Vorschlaghammer nicht groß genug sein, um damit druffzukloppen, wie der Berliner sagen würde.Vorsichtshalber verteilte das Einlasspersonal Gehörschutz an möglicherweise zartbesaitete Zuschauer der nur halb gefüllten Seitenbühne.

Die offensichtlich nicht nur an Bebop und Free Jazz, sondern auch an Speed Metal geschulten Musiker spielten mit der Energie und der Wut, die man dem Art Ensemble gewünscht hätte. Bei Théo Ceccaldi wirkte das Energielevel weniger durch eine Wut auf existentielle und gesellschaftliche Umstände motiviert, sondern eher durch folgende musiksportliche Herausforderung: wie kann ein virtuoser französischer Jazz-Geiger so wenig wie möglich nach Musette und seligem 60er-Jahre-Mont-Martre-Modern-Jazz-Virtuosentum klingen? Diese Aufgabe haben die Freaks (zwei Saxophonisten, Geige, Cello, Schlagzeug und Gitarre) zwar mit Bravour und reichlich dB gelöst, zurück bleibt aber weniger der Sinn als vielmehr ein Fiepen im Ohr.

Hyperaktiver Samstag: Nofretete swingt!

Der Samstag unter der Überschrift Hyperactive Saturday begibt sich in jazzhistorische Gefilde. Sängerin Jazzmeia Horn inszeniert sich als ägyptische Göttin von nofretetischer Schönheit und würdige Nachfolgerin von afroamerikanischen Vokalartistinnen wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Dianne Reeves oder Dee Dee Bridgewater und hat dabei dennoch genügend Charme, Selbstbewusstsein, Selbstironie und Mut zu expressivem Abweichen vom Schönklang, genau wie ihre Vorgängerinnen. Ihre Stimme moduliert in den Uptempo-Bebop-Songs und teils gospeligen Balladen ihres gefeierten Debütalbums A Social Call von engelsgleichem Flöten in höchsten Lagen zu bluesigem Growl. Nicht immer stimmen die Töne hyperexakt, aber sie nimmt die Linien mit der rhythmischen Freiheit, die den Kollegen der WDR-Big Band unter der Leitung von Saxophonist Bob Mintzer nicht vergönnt sind. Immerhin dürfen die BandmusikerInnen sich in etlichen Soli austoben und ihr Improvisationstalent unter Beweis stellen.

Musik und Bilder gegen das Vergessen: The Harlem Hellfighters

Ein historisches Thema hat sich der Pianist Jason Moran vorgenommen. Im Ersten Weltkrieg meldeten sich viele Afroamerikaner in den USA freiwillig zum Dienst an der Waffe. Sie erhofften sich ein Abenteuer in Übersee, Ruhm und Ehre und vor allem gleiche Bürgerrechte nach hoffentlich gesunder und sieghafter Rückkehr als Kriegshelden in das Land der gnadenlosen Segregation (getrennte Wohnviertel, Schulen, Toiletten, Parkbänke...). Ersteres gelang, die Bürgerrechte ließen noch auf sich warten, die Anerkennung und das Gefühl der Gleichwertigkeit fehlt vielen bis heute. Die aus der Geringwertigkeit resultierende Abwesenheit von Denkmalen afroamerikanischer Leistungen, The Absence of Ruin, bemängelt Jason Moran und hat sich in einem aufwändigen und von vielen Institutionen geförderten Projekt daran gemacht dies mit seinen Mitteln, den Mitteln der Musik, aber auch mit Bildern – stehenden und bewegten - zu ändern. Dabei fehlt es weder an Pathos noch an Radikalität und feiert gleichzeitig historische Jazzstile. Aus dem Widerspruch macht Moran ein beeindruckendes Programm, das am Ende mit Standing Ovations gefeiert wird.

Zunächst dürfen ein Dutzend junger Berliner MusikerInnen ran, die unter der Leitung von Nikolaus Neuser musikalisches Material geprobt haben, das einst von James Reese Europe komponiert oder verwendet wurde. Er war ein afroamerikanischer Bandleader, der zu einem Militärmusiker avancierte und die Harlem Hellfighters Band leitete. Die jungen BerlinerInnen sollen daran erinnern, dass die Soldaten, die einst nach Europa kamen, um hier ihr Leben zu riskieren, ebenfalls kaum älter waren, als knapp 20.

Dann kommt Jason Moran mit seinem Trio und einer handvoll britischer Musiker (zwei Tubas, Trompete, Klarinette, Saxophone) auf die Bühne. Moran sitzt im Trenchcoat mit dem Rücken zum Publikum seinen Musikern und der Videoleinwand zugewandt. Die Musik des Projekts lässt den Ragtime, frühen Blues und Jazz vom Anfang des 20. Jahrhunderts wieder aufleben, durchsetzt ihn mit Anklängen aus jüngeren Epochen, von Free bis Funk. Dazu sehen wir Bilder des Filmemachers Bradford Young: Schwarzweiß-Aufnahmen von leerstehenden Räumen einstmals lebendiger Communities, einsame Holzhäuser zwischen bleichen Büschen unter bleiernd sonnigem Himmel, Aufnahmen von der Siegesparade nach Rückkehr der Soldaten in der 5th Avenue von New York, Bilder vom Musizieren der Hellfighters Band. Und am Ende eine lange Reihe Portäts von den jungen Soldaten, extrahiert aus einem Gruppenfoto. Moran erschafft ein musikalisches Denkmal, das tief beeindruckt. Am Ende erheben sich alle Musiker und gruppieren sich Hände haltend um Morans Flügel, aus dem es plötzlich leuchtet. So viel Pathos muss erlaubt sein, für Menschen, die über ein Übermaß an pathetischer Würdigung Ihrer unbestreitbaren Leistungen nicht klagen können.

Melancholic Sunday: eine Bühne voller Saiten

Viel Zeit für Melancholie bleibt dem Besucher des Jazzfest auch am Sonntag nicht: es gibt vormittägliche Kiezkonzerte in einem Friseur, einer Galerie und einem Wohnzimmer, eine Führung durch die Julia Stoschek Collection, ein Silence Meal im Kassenraum, ein nachmittägliches Konzert in der Gedächtnis-Kirche am Kudamm und einem frühabendlichen Artist Talk.

Eine Bühne voller Saiten wartet am Abend auf die Besucher im Festspielhaus. Der norwegische Gitarrist Kim Myhr lässt sich auch von gesundheitlichen Problemen nicht von seinem Konzert abhalten und hat drei weitere Gitarristen und drei Percussionisten um sich geschart, um sein Studioprojekt You/Me live umzusetzen. Eine solche Ansammlung 12saitiger Gitarren gab es beim Jazzfest wohl noch nie. Die daraus resultierende Musik ist ein fließend sich wandelnder polyrhthmischer Strom von Akkorden, Echos, Glocken, Rascheln. Eine hypnotische Musik, die fast ohne Melodien auskommt, nur mit Klang, mit Auf- und Abschwellen, Improvisation im Geiste einer immer währenden Schleife.

Mit Mary Halvorson kommt die diesjährige Artist in Residence auf die große Bühne, im Oktett bestreitet sie ihr finales Konzert. Mit ihrer hellbraunen Hollowbody-Gitarre ohne Schallloch in einem lindgrünen Kleid und mit großer Brille wirkt sie, wie frisch von einer Landhausveranda eingeflogen. In ihrem Ensemble gibt es eine weitere Gitarristin an einer Pedal-Steel-Guitar, der auf einer Art Tisch gespielten Gitarre, die man zumeist aus dem Country-Kontext kennt. Die Gitarren dominieren den Sound und die Kompositionen nicht, geradezu bescheiden wirkt der Anteil von Mary Halvorson, die ihrem Alt-Saxophonisten Jon Irabagon und Tenorsaxophonistin Ingrid Laubrock viel Raum für strahlende spielerische Eleganz lässt, etwas, das sehr selten geworden ist, zwischen all den er rau und spröde klingenden Solisten der aktuellen Szene.

Music Is heißt ganz schlicht Bill Frisells aktuelles Album und Live-Programm. Der Über-Gitarrist der amerikanischen Szene sitzt allein zwischen zwei Verstärkern und hat zu Füßen ein Loop-Effektgerät. Mit der Telecaster auf dem Schoß produziert er in unfassbarer Ruhe und mit weitgehend cleanem Sound musikalische Kleinode. Hier ein meisterhaft gespielter Blues, dort ein an Gitarristen aus Mali erinnerndes Stück voller elektronisch wiederkehrender Motive, die dann oktaviert werden oder rückwärts ablaufen, sich rhythmisch verschieben, ausfaden und neu überschrieben werden. Immer wieder wandert Frisells Daumen um den Hals aufs Griffbrett und ergänzt mit Basstönen die Akkorde und Melodien der Finger und des Plektrums. Aus dem steten Fluss aus Akkorden, kleinen Bassfiguren und Melodiefetzen schält sich der Jazzklassiker Lush Life, von dessen Melodie Frisell nicht genug bekommt und die er sanglich wie ein Vokalist immer weiter fortspinnt. Mit Straight No Chaser zollt Frisell dem Pianisten Thelonius Monk Tribut und mit What The World Needs Now Burt Bacharach. Als Zugabe erhält das atemlos zuhörende Publikum ein Duo von Frisell und Mary Halverson, die dafür nochmal auf die Bühne kommt und von Frisell über den grünen Klee gelobt wird („her music is mind blowing“).

Mit einer schönen Geste verabschiedet sich zuvor das Jazzfest Berlin 2018 von seinem Publikum, das ganze Team darf auf die Bühne und selbst einen Applaus entgegen nehmen, was es so wohl noch nie beim Jazzfest gab. Nadin Deventer verteilt high fives an die Mitarbeiter als Dank für den Stress der vergangenen Tage und Wochen. Das erste Jazzfest Berlin unter einer weiblichen Künstlerischen Leiterin geht damit erfolgreich zu Ende, auch wenn etliche verprellte Journalisten und Ehrengäste wohl nicht ganz so zufrieden sind mit der diesjährigen Organisation der Kartenausgabe.

Oliver Hafke Ahmad

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Musikfest Berlin 2018

Rituale, Anbetungen, Orchester

3. September. Am Wochenende ist das Musikfest Berlin 2018 mit einem Konzert der Staatskapelle Berlin unter der Überschrift „Merci à Pierre Boulez“ und unter der Leitung von Daniel Barenboim gestartet. In der prall gefüllten Philharmonie standen zwei klangfarbenfrohe Werke auf dem Programm: Igor Strawinskys Frühlingsopfer Le Sacre du Printemps und ein Werk, das Komponist und Dirigent Pierre Boulez für seinen ebenfalls dirigierenden Freund komponiert hat.

Das Rituel in memoriam Bruno Maderna ist eine Komposition für Orchester, das Boulez nachträglich in acht Gruppen aufgeteilt hat. Das ursprünglich Mitte der 70er Jahre komponierte Stück darf nun seit der Bearbeitung von Boulez 1987 nur noch so aufgeführt werden, dass die acht Gruppen auf bestimmte Weise im Raum verteilt werden und eben nicht alle gemeinsam auf der Bühne sitzen.

Daniel Barenboim nimmt sich unerwartet viel Zeit all dies dem Publikum zu erklären und sogar, wie in einer öffentlichen Probe, Zeit Teile der Komposition anzuspielen. Während das Publikum interessiert und teils auch amüsiert den Erklärungen folgt, haben die Rundfunkleute im Hintergrund, die das Konzert live mitschneiden und senden wollen nun ein Problem. Barenboim lässt sich nicht aufhalten und demonstriert 20 Minuten lang einzelne der 15 Teile des Werkes. „Boulez liebte Komplexität“, schließt er seinen Vortrag und beginnt mit dem kompletten Werk.

Die acht Musikgruppen haben jeweils einen oder mehrere Schlagzeuger, sie spielen alleine oder auch zu mehreren gleichzeitig und sind quer über alle Ränge der Philharmonie verteilt. So kann das Publikum die verschiedenen Teile der Komposition einzelnen Gruppen zuordnen und sie aus verschiedenen Richtungen wahrnehmen. Den Dirigenten verlangt es ab, in diese ungewohnten Richtungen zu dirigieren, bzw. vor einer Videokamera zu gestikulieren, denn die Gruppen sitzen teils sehr weit entfernt und im Rücken des Dirigenten. Hier helfen, wie in Musicaltheatern und Opernhäusern üblich Monitore den Musikern, den Leiter sehen zu können.

Aus diesen technischen Komplikationen und Kuriositäten wird dann trotz allem eine gelungene Performance. Die Musiker fliegen mit Leichtigkeit durch die komplexen chromatischen Linien und sind gut zusammen in den nicht gerade einfachen Rhythmen. Boulez hat für dieses Werk so ziemlich alles an Perkussionsinstrumenten integriert, das zwischen Nord- und Südpol zu finden ist. Indische, chinesische, afrikanische, lateinamerikanische und spanische Perkussion (Tablas, Becken, Gongs, Congas, Maracas, Kastagnetten) findet sich ebenso, wie die klassische Orchesterperkussion (Pauken, kleine Trommel).

Perkussion aus aller Welt

Die lokale Rhythmik und regionale spielweise der jeweiligen Instrumente bleiben allerdings unbeachtet, sodass Boulez hier also keine World Music komponiert hat, sondern lediglich die Instrumente aus aller Welt für seine eigenen Klangwelten benutzt. Das klingt an einigen Stellen, wie so oft bei Verwendung von Volksmusikinstrumenten in orchestralen Werken etwas steif, ist aber eben auch keine oberflächliche Anbiederung an andere regionale Musikwelten, sondern wird zu einer Aneignung und Umformung von musikalischem Material. Teilweise erklingt eine einsame Oboe gemeinsam mit einer Trommel, teilweise ein ganzer Holzbläsersatz mit dem Gerassel von Maracas oder die Blechbläsergruppe gemeinsam mit den Pauken. Eine spannende, teils meditative und ungemein farbenfrohe Komposition, deren Aufführung man sich öfter wünscht.

Ebenso farbenfroh geht der Eröffnungsabend weiter mit Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps, das mit seiner klassischen Orchesteraufstellung im Gegensatz zum vorangegangenen Werk schon fast gewöhnlich wirkt. Klanglich ist der Kontrast hier allerdings bei weitem nicht so groß. Mit Bravour meistern daher Barenboim und seine Staatskapelle das Werk, das von heidnischen Frühlingsbräuchen wie Entführungsspielen, Tänzen, Prozessionen, Ahnenverehrung und als Höhepunkt von einem Menschenopfer handelt, mit dem die Götter um Beistand, Schutz vor Feinden und gute Ernten gnädig gestimmt werden sollten. Kraftvoll, präzise und leidenschaftlich zugleich erklingt das Werk, das nun schon über 100 Jahre alt ist und zu den Hits der Moderne gehört.

Zwei Abende später zeigte das Ensemble Modern unter der Leitung von Enno Poppe wie man mit Konzentration und Präzision durch die keineswegs leichten Klänge und Klanggeflechte von Anton Webern findet. Die sieben kürzeren Werke aus dreißig Jahren musikalischen Schaffens sind anspruchsvolle Kost und das eher für den Kopf als für den Bauch. Poppe dirigiert Sängerin Caroline Melzer, Pianist Ueli Wiget und das Ensemble unerschrocken und mit großen präzisen Gesten durch die uneingängigen Partituren.

Großen Applaus erhält der Komponist Mathias Spahlinger, als er am Ende der Aufführung seines Werkes passage/paysage in Jeans mit aus der Hose hängender Schlüsselkette auf die Bühne kommt. Die Komposition mit zwei präparierten Klavieren, E-Gitarre, zwei Harfen und einem großen Orchester verwendet immer wieder scheinbar simple Ideen und führt sie zu immer größerer Komplexität. Da klingt es mal, als ab zwei Bienenschwärme einander bekämpfen, dann wieder marschiert ein Pizzicato im Gleichklang los, um nach und nach in einzelne Bruchstücke zu zerfallen, wie die aktuelle Parteienlandschaft in Europa.

Noch bis zum 18.9. hat der Künstlerische Leiter Winrich Hopp Orchester aus München, Boston, Luzern und natürlich Berlin eingeladen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Boulez, ein weiterer auf Stockhausen, dessen Werke an vier Abenden aufgeführt werden u.a. auch beim großen religiös-inspirierten Finale mit der Komposition INORI – Anbetungen für zwei Tänzermimen und großes Orchester. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt am 14.9. im Konzerthaus zum Stummfilm J'accuse von 1918, der das Grauen des Ersten Weltkriegs theamtisiert eine Komposition von Philippe Schoeller.

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Sasha Waltz & Guests

Menschenpflaster und Funksprüche von Flüchtenden

Sasha Waltz & Guests führten zum 25jährigen Bestehen der Compagnie das neue Werk Exodos im Berliner Radialsystem auf, Mitte September ist es bei der Ruhrtriennale zu sehen. Das Publikum wandelt zwischen den Tänzerinnen und Tänzern und wird Teil der Gemeinschaftschoreographie von Sasha Waltz und ihren Compagniemitgliedern.

Berlin, August 2018. Menschen ausgestellt in engen Vitrinen, wie lebende Präparate in urbaner und modischer Alltagskleidung sind einige der Tänzer hinter quadratische Glaswände gezwängt von oben beleuchtet in dem ansonsten dunklen Raum, wie in einem Museum voller lichtempfindlicher Werke. Sie bewegen sich langsam in ihren Schaukästen, wie in Zeitlupe. Wir werden zu Voyeuren der puren menschlichen Existenz, Menschen, an denen wir sonst vielleicht achtlos vorbeigehen würden.

Die Langsamkeit der Bewegungen hat eine eigentümliche erotische Spannung. Andere Tänzer der einer Benetton-Werbung ähnlich multikulturellen Gruppe öffnen die gläsernen Gefängnisse, geleiten die lebenden Präparate heraus und stellen sich selbst hinein oder machen sogar darin einen Handstand.

Das Publikum wandelt zwischen den Vitrinen und den 26 Tänzern und Tänzerinnen, die oft nicht sofort als solche erkannt werden, umher, schaut mal hier mal da, manche setzen sich schon zu Beginn erschöpft auf Bänke an den Rand. Das Publikum bestaunt wie ein Behelmter eine Frau aus seinem Rucksack holt und eben keinen Fallschirm. Bestaunt, wie sich die Tänzer und Tänzerinnen berühren, ineinander verhaken und wieder loslassen und gelegentlich auch das Publikum in diese flüchtigen Figuren einbeziehen. Es bilden sich spontan Zuschauerkreise in deren Mitte etwas geschieht und sie lösen sich ebenso spontan wieder auf.

Aus urbanen Straßengeräuschen aufgenommen und bearbeitet vom Soundwalk Collective entsteht allmählich eine dumpf wummernde Industrial-Atmosphäre, die vom Wind mannshoher Ventilatoren verstärkt wird. Der Soundtrack des in Berlin und New York beheimateten Kollektivs verwendet Aufnahmen von realen und bedeutsamen Orten, wie dem Areal der ehemaligen Twin Towers, berühmter Nachtclubs wie dem Berghain oder aus aufgeschnappten Funksprüchen von Flüchtenden auf dem Mittelmeer oder in der Sahara. Es entstehen in der Koexistenz mit dem kargen Bühnenbild und den Tänzern teils ganz alltägliche und beiläufige, dann wieder surreale apokalyptische (Klang-)Bilder. Menschen werden zu einem lebenden Straßenpflaster auf dem sich andere Menschen vorsichtig tastend und etwas wackelig aber dennoch eigennützig hinweg bewegen.

Auch das gesprochene und gebrüllte Wort spielt eine Rolle in den Choreographien, Worte und Wortfetzen gleiten ineinander über, werden von einzelnen hervorgestoßen, von der Gruppe aufgenommen und wie Mantra wiederholt („Utopia“, „Possible/Impossible“) um dann wieder verworfen zu werden und sich in andere Wörter zu verwandeln. Wir sehen und hören getanztes und gesprochenes Schwarmverhalten. Es wird über das Sozialleben der Biene doziert und sogar ein wenig Wagner gesungen.

Aus einem scheinbar ganz normalen Laufsteg einer Modenschau wird ein Treck auf dem Starke, Verletzte oder Kranke durchs Getümmel geschleppt werden. Menschen werden zum Nadelöhr für andere Menschen, die sich durch die aus Armen und Beinen gebildeten Öffnungen zwängen. Hilfsbereite Hände animieren Zögerliche durch die Löcher zu schlüpfen. Funksprüche geistern aus verschiedenen Richtungen durch den Raum. Das Stück ist also voller Anspielungen auf eines der vielen Bedeutungen des griechischen Wortes Exodos: auf die Flucht und damit künstlerische Reflektion eines brennend aktuellen Themas.

Eine weitere Wortbedeutung handelt vom Ausgehen und Feiern in der Nacht und deshalb darf das Publikum auch ein paar Takte zu einem Technobeat mittanzen und sich fühlen wie in einem Großraumklub á la Berghain, der berühmte Tanz auf dem Vulkan voller ungelöster menschlicher und politischer Probleme in der Welt. Es tanzt schwitzend in einem Glaskasten, der einerseits den Hedonismus im Darkroom andererseits unsere gläserne Durchsichtigkeit in der Welt der Sozialen Medien darstellt.

In zwei Räumen des Radialsystems fand die Uraufführung von Sasha Waltz' neuem Werk Exodos statt und wurde in Berlin fünf mal aufgeführt, um anschließend am 15. September in der Bochumer Jahrhunderthalle bei der Ruhrtriennale gezeigt zu werden. Choreographin Sasha Waltz feiert damit das 25jährige Bestehen ihrer Compagnie. Das Publikum ist bei Exodos, wie auch schon anderen Waltz-Stücken zuvor, nicht auf eine Tribüne verbannt, sondern wird zum Flaneur, zum Zeugen, zum Mitspieler, zum Mittänzer, ja vielleicht sogar Ko-Choreographen, wie all die Tänzer des Stückes, denn es kann sich zumindest in der ersten Hälfte des Werks frei in den beiden Räumen bewegen. Zum Ende hin entsteht doch so etwas wie eine exklusive Bühne in der Raummitte, die den Tänzern vorbehalten ist, während das Publikum am Rand auf Bänken oder eben auf dem Boden sitzt.

Die drei Stunden vergehen wie im Flug und entlassen den Zuschauer mit beeindruckend aktuellen Bildern wie aus einer choreographierten Sonderausgabe der Tagesthemen und enden versöhnlich mit einem intimen Liebesakt zum italienischen Chanson Parole Parole von Mina und Alberto Lupo.

www.sashawaltz.de

www.ruhrtriennale.de


Wassermusik 2018

Afrobeats und Jazz und 60s-Pop

Foto: OHA

August 2018. Goodbye UK & Thank You For The Music lautet schön ironisch das diesjährige Motto des Festivals Wassermusik 2018 im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Musikkurator Detlef Diederichsen hat dazu zur Eröffnung das Brexit Orchestra von Mathew Herbert eingeladen, die trotz 60s-Superhit (She's Not There) noch nie in Deutschland aufgetretenen Beat-Veteranen The Zombies, aber auch Acts wie der Highlife-Superstar Julius Orlando & The Heliocentrics aus Nigeria, einer ehemaligen englischen Kolonie. Der macht mit seiner Band am zweiten Festivalwochenende aus dem sonnenerfüllten Dach des HKW direkt neben dem Kanzleramt in Berlin-Tiergarten eine Party mit seinen Hits, die bereits aus den 60er Jahren stammen.

Immer wieder weist seine Sängerin auf die Jahrzehnte hin, die der 74jährige Saxophonist und Sänger Julius schon auf der Bühne steht und bettet die Songs in ihren historischen Kontext ein, z.B. die Liebe zum damals brandneuen Soul aus den USA und dessen Einfluss auf Gesang, Groove und Bläserlinien afrikanischer Bands wie der Heliocentrics. Auch zum Thema Frauenrechte gibt sich die Sängerin kämpferisch und ermahnt: "Wenn Du ein Mädchen zur Schule schickst, unterrichtest Du eine ganze Nation".

Einen wirklichen Abschied der englischen Musiksszene aus der Welt wird es wohl trotz Brexit (wenn er denn je kommt) kaum geben, dafür gibt es dort einfach zu viel Talente, zu viel weltweit verwertbares Musikpotential und zu viel wirtschaftliche Interessen. Und nicht zuletzt der über Jahrzehnte eingeübte Blick der internationalen Presse auf das englische Musikgeschehen. Also wohl doch kein Goodbye, aber Dankeschön kann man ruhig trotzdem mal sagen.

Weitere Konzerte und Filme u.a. mit Scritti Politti, Jazz Jamaica, Shabaka & The Ancestors, Bright Phoebus Revisited, Kobo Town u.v.a. jeweils am Wochenende bis 18.8.2018.

www.hkw.de


Stimmen, Instrumente, fritierte Bandmaschinen

Update 3.8.2018. An die Waffen heißt es vom 1. bis 4. August beim Avantgarde-Musik-Festival A L'Arme! im Berliner Radialsystem. Die Waffen sind dabei elektronische oder akustische Musikinstrumente, Effektgeräte, Laptops oder ganz oldschoolig Turntables, also Plattenspieler und natürlich auch die menschliche Stimme. Hier wird die Brücke geschlagen zwischen nordischer Experimentalklangkultur und New Yorker Szene.

Zartes Streichinstrument zwischen massiver Elektronik: Laurie Anderson mit Bill Laswell's Method of Defiance. Foto: OHA

Mit einem gemeinsamem Konzert von Violinistin und Sängerin Laurie Anderson (Oh Superman) und der Band des Bassisten und Produzent Bill Laswell startet der viertägige Konzertreigen. Die New Yorker Avantgarde-Ikone wütet gegen Trump und bedient ihre elektronische Geige mit minimalistisch zartem Zupfen und langen Tönen, der Klang oft eher an ein Akkordeon erinnert. Im weißen pyjamaähnlichen Anzug und mit Strubbelhaar steht sie zumeist in sich gekehrt und die Augen verschlossen zwischen all den Laptops und Effektgeräten, die sie und ihre männlichen Kollegen mitgebracht haben. Die Musik bewegt sich von Drum & Bass zu HipHop, von Noise zu Dub-Regggae. Der Sound ist zumeist dicht und komplex, DJ Logic bedient die Plattenteller, Graham Haynes bläst in Laswell's Method of Defiance das altmodische Kornett und moduliert des Klang mit Elektronik. Laswell selbst ist der einzige ohne Computer auf der Bühne, ihm reichen ein Koffer voll Bodenpedaleffekten und zwei (!) Bassboxentürme um mit lässigem Fingerschnipsen, tiefster Donnergrollen zu entfachen.

Im knallheißen Radialsystem voller Berliner Szeneprominenz (Loft-Gründerin Marion Döring, Neubauten-Gitarrist Alex Hacke) ziehen zu den Standing Ovations des Publikums einige Frauen die Shirts aus, ob als genderpolitisches Statement, aus avantgardistischer Freude an nackter Haut oder einfach aufgrund der Hitze bleibt unklar.

Eine Künstlerin die das selbst verursachte Klangchaos meisterlich beherrscht: Maja Ratkje. Foto: OHA

Den Abend eingeläutet hat die norwegische Vokalartistin und Komponistin Maja Solveig Kastrup Ratkje und zwar mächtig gewaltig. Das fast schon biedere Äußere (dunkelblaues schlichtes Kleid, ordentlicher Haarzopf) täuscht darüber hinweg, dass hier eine radikale Künstlerin am Werk ist. Mit einem ganzen Tisch voller elektronischer Geräte, eingebettet in ein fantastisches Kabelwirrwarr und ergänzt um allerlei kleinteilige Analoginstrumente wie Daumenklavier, Rasseln, Glöckchen, einer knittrigen Plastikfolie und nicht zuletzt ihrer Stimme, erzeugt sie einen Soundtrack von verwirrend komplex, über wutentbrannt bis hin zu apokalyptischem Durcheinander. Dies ist aber fein ausgesteuert und wird von der Meisterin ihres Faches in immer neuen Klangfarben und Rhythmen moduliert um am Ende in zartem Glockenton zu verhallen.

Bereits zum sechsten Mal ruft Festivalleiter Louis Rastig an die musikalischen Waffen und hat in diesem Jahr gemeinsam mit Karina Mertin erneut ein viertägiges Programm mit Künstlern zusammengestellt, die kaum jemals im Mainstream-Radio auftauchen, geschweige denn in Verkaufscharts. Die Möglichkeiten der Musik werden hier radikal ausgelotet sowohl in Richtung Klangexperiment, Verformung und Erweiterung als auch in Richtung Improvisation.

Neben etlichen Solokünstlern wie der schwedischen Gitarristin Ellen Arkbro, der Vokalartistin Klein oder dem britischen Elektroniker Mark Fell gibt es auch einige richtige Bands zu hören, wie z.B. die des amerikanischen Schlagzeugers Michael Zerang, das Vibraphon-Saxophon-Bass-und-Schlagzeug-Quartett Gordoa / Malfon / Edwards / Narvesen, Phillipp Gropper's Philm oder das Trio von Matilda Rolfsson (Perkussion), Joëlle Léandre (Bass) und Elisabeth Harnik (Piano). Wer jede Menge Kabelsalat auf der Bühne mag, fritierte Revox-Bandmaschinen und ebensolche Drums (Andrea Belfi und Valerio Tricoli) oder DJ-Sets mit Field-Recordings (Mieko Suzuki) der ist beim A L'Arme!-Festival ebenso richtig.

www.alarmefestival.de


Machine Gun statt Akustikfolk

Ausstellung und Konzerte in der Berliner Akademie der Künste

Schreie ins Holz: Peter Brötzmann mit Tarogato. Foto: OHA

Berlin, 9.4.2018. Mit zwei Konzertabenden unter der Überschrift Brötzmann plus im Rahmen der Ausstellung Underground+Improvisation – Alternative Musik und Kunst nach 1968 feierte die Free Jazz-Szene um das Berliner Label FMP am zweiten April Wochenende sich selbst. Daneben trauerte man um den just am selben Tag verstorbenen Pianist Cecil Taylor und freute sich über Alexander von Schlippenbachs 80. Geburtstag, den der am Flügel spielend begehen konnte. Das Kuratorenteam um Louis Rastig hatte für den ersten der beiden Abende zahlreiche Musiker geladen, die jeweils mit Saxophonist Peter Brötzmann, dem Wuppertaler Free Jazz-Urgestein, performten und dabei dem Publikum einen großen Überblick über die unterschiedlichen Musikertypen des Free Jazz geboten und deren Vielfalt zeigten.

Brötzmann steht für die musikalische Urgewalt. Mit rauem Ton, stößt er eine unaufhörliche Kette von Schreien aus seinem Tenorsaxophon, der Metallklarinette oder dem ungarischen Tarogato, eine Art Sopransaxophon aus Holz. Sein Spiel ähnelt einem Mantra voller Wut. Sind es Ausbrüche gegen eine den Schönklang liebende Musikwelt? Schmerzensschreie? Schreie der Lust, der Freude? Sein versteinertes Gesicht und die verschlossenen Augen hinter einem dichten weißen Bart lassen die Frage unbeantwortet, deuten aber eher auf Düsteres.

Power Free Jazz mit roter Gibson

Zwar am Rand der Bühne positioniert, steht Peter Brötzmann dennoch musikalisch im Mittelpunkt und spielt am ersten Abend mit zwei verschiedenen Formationen. Das Ensemble Full Blast macht mit Power Free Jazz seinem Namen alle Ehre. Schlagzeuger Michael Wertmüller setzt mit Donnergrollen das kraftvolle Fundament, das vom rasant über die Saiten fliegenden Bassisten Marino Pliakas ergänzt wird.

Heather Leigh, Keiji Haino und Peter Brötzmann. Foto: OHA

Der japanische Gitarrist Keiji Haino erzeugt mit seiner roten Gibson SG, bekannt von der Rockband ACDC, und einer Kaskade von Effektgeräten einen infernalischen Krach und kantige Phrasen. Ganz im Gegensatz zu Brötzmann bewegt er sich impulsiv, reißt an den Saiten und wirft die weiß-graue Mähne mit dem akkurat geschnittenen Poni herum. Nachdem er seine Gitarre ablegt, kreischt er japanische Satzfetzen ins Mikrofon, die einem irren General, einem Karatefilm oder Figuren eines dystopischem Anime entstammen könnten. Haino steht für den technikaffinen, sich kompromisslos expressiv und performativ gebenden Typus eines Free Jazz Musikers, der auch in progressiven Rockbands oder im Elektroumfeld zu Hause ist.

Ganz anders der niederländische Drummer Han Bennink, er verkörpert den Humor, das Clowneske, das Antiautoritäre, das Antiweihevolle des Free Jazz, den Protest gegen die Konzertkonventionen der klassischen Musikwelt. Sein Spiel im Duo mit Alexander von Schlippenbach ist teilweise überraschend konventionell, minutenlang bearbeitet er die Snare Drum nur mit Besen und spielt dabei einen Swing oder Bebop-Rhythmus. Das Publikum applaudiert vergnügt, wenn er immer mal wieder absichts- und geräuschvoll die Sticks auf den Boden fallen lässt.

Spiel gegen Konventionen: Alexander von Schlippenbach und Han Bennink. Foto: OHA

Pianist Schlippenbach steht im Kontrast zu Bennink und Brötzmann wieder für einen anderen eher feingeistigen und eher ernsten Free-Jazz-Typus. Ohne Blick für anderes über seine Tastatur gebeugt improvisiert er konzentriert und ernsthaft Melodien und Akkorde zwischen Thelonius Monk und Schönberg. Sein Jazz atmet in jedem Ton die Neue Musik des 20. Jahrhunderts und seine atonalen Klänge haben den Swing des Modern Jazz. Schlippenbachs Flügel erklingt ganz pur, er verzichtet auf alle akustischen oder elektronischen Effekte und jegliche Brachialität. Er überzeugt durch sein bildungs- und zitatenreiches Spiel und deren überraschende Kombination.

Die Besetzung ersetzt die Komposition

Mit der Pedal Steel-Guitar-Spielerin Heather Leigh kommt ein ganz anderer Free-Typus auf die Bühne, sie spielt am Ende des Abends mit Brötzmann und Haino im Trio. Mit ihrem Jazz-untypischem Instrument, der auf einem Tisch befestigten Gitarre, ähnlich einer Zither, die man eher aus der Country-Musik kennt, und dem sparsamem Einsatz von Effekten erzeugt sie monotone Klangflächen auf denen sich die beiden Expressionisten austoben. Nicht zufällig heißt eine gemeinsame Platte von Leigh und Brötzmann Sex Tape. Haino umschlingt dagegen seine Gitarrensaiten mit elastischen Bändern und erzeugt damit ebenso biegsame Töne. Dann nimmt er ein Notizbuch und singt in schamlos schlechtem Englisch Billie Holidays Strange Fruit zu dem Brötzmann auf dem Tarogato überraschend zart spielt.

Alle drei Formationen des Abends zeigen, dass die Komposition im Free Jazz durch die Kombination von verschiedenen Musikertypen ersetzt wurde, die jeweils „Ihr Ding“ ins freie Spiel eines Ensembles einbringen und so ein spontanes, fast ausschließlich von den Musikerpersönlichkeiten geprägtes Musikwerk entstehen lassen, das durch andere Musiker kaum wiederholt werden könnte. Free Jazz heute kann, muss aber nicht in atonalem Krach ausarten, er kann auch tonale Strecken haben, elektronisch verfremdet sein, manchmal darf es sogar grooven. Insofern lässt diese häufig als hermetisch betrachtete Spielweise viele Entwicklungsmöglichkeiten für die Zukunft offen, die ja auch tatsächlich vielfältigst genutzt werden, wie sich nicht zuletzt auf Festivals wie dem Berliner Jazzfest in den letzten Jahren hören ließ.

Kultstatus dank Konsequenz

Gemeinsam ist allen Musikern des Abends Brötzmann plus... ihre künstlerische Konsequenz, die ihnen teilweise geradezu Kultstatus eingebracht hat und deren Sichtbarkeit sich nicht zuletzt auch den seit Jahrzehnten immer wieder neu zu erkämpfenden, aber dadurch auch einigermaßen stetig fließenden Subventionen in diese Musikszene verdankt, eine Musikszene, die zwar ihren Avantgarde-Status eisern verteidigt, aber längst auch vom Kulturestablishment anerkannt ist, deren Einflüsse sich heute in fast jedem Jazz-Fest-Act wiederfinden. Selbst der Experimentelles eher scheuende Till Brönner hat inzwischen mit einer Größe des DDR-Free Jazz Günther Baby Sommer Aufnahmen gemacht, allerdings nicht für die in der Ausstellung gefeierte FMP, sondern für das schweizerische Label Intakt.

Unbedingt sehenswert ist in der West-Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg auch die Ausstellung. Sie widmet einen großen Raum allein dem Wirken des Labels Free Music Production (FMP), das 1969 von den Musikern Jost Gebers, Peter Brötzmann, Peter Kowald und Alexander von Schlippenbach gegründet wurde. Darin zu sehen sind die Plattencover legendärer Alben wie Brötzmanns Machine Gun, Manfred Schoofs European Echos oder die umfangreiche Box mit Aufnahmen von Cecil Taylor in Berlin.

68er-Revolutionäre hören lieber Folk

An den Wänden hängen Fotos von Dagmar Gebers aus den Studios, Konzerten und Hinterzimmern der Szene, Plakate von Konzerten und Festivals wie dem Total Music Meeting im Berliner Quartier Latin (dem heutigen Wintergarten Varieté). Ein Interviewvideo mit Peter Brötzmann bezeugt die Enttäuschung über das echte oder empfundene Desinteresse der 68er in Westdeutschland am Free Jazz. Der Saxophonist bemerkt darin säuerlich, dass die Linken damals lieber zarte Gitarre zupfende Folksängerinnen wie Joan Baez, als die wilde frei improvisierte Musik gehört haben.

Der preiswerte Katalog liefert mit Interviews und Essays weiteres spannendes Material über eine selbstorganisierte Musikszene, die einerseits das Establishment ablehnt und andererseits um Anerkennung ringt, die einerseits Solidarität unter Musikern forderte und andererseits kompromisslose Indivdualität, die einerseits den Kommerz ablehnt, aber andererseits selbst dauernd Produkte und Events auf den Platten- und Veranstaltungsmarkt wirft.

Ein zweiter Raum zeigt mit vielen Fotos, Installationen und Videos Einblicke in den Musik- und Kunst-Underground im ehemaligen Ostblock, in der DDR, der Tschecheslowakei, Polen, der ehemaligen Sowjetunion, dem Baltikum. Wackelige Musikvideos von Underground-Pop-Bands in der freien Natur, exzentrische russische Underground-Fernsehsendungen, vertrieben als Videokassette, da es Youtube längst noch nicht gab. Musikinstrumente der ostdeutschen Punk-Band Ornament & Verbrechen, wie ein Auspuff mit Saxophonmundstück. Grafische Partituren der Polin Katalin Ladik. Ein surrealer weinender Lautsprecher des Esten Kaarel Kurisma. Underground + Improvisation – Alternative Musik und Kunst nach 1968 ist ein inspirierender und auch sehr unterhaltsamer Einblick in die vielen widerständigen Künstlerszenen im Kalten Krieg, der es lohnt, sie dem Vergessen zu entreißen.
Oliver Hafke Ahmad

Noch bis 6.5.2018

Www.adk.de


Jazzfest Berlin 2017

Migration, Globalisierung, Rassismus, Widerstand

Richard Williams beendet seine Zeit als Leiter der Berliner Jazzfests mit viel Relevantem.

Berlin, 6.11.2017. Am zweiten Festivaltag im Lido bringt die New Yorkerin Amirtha Kidambi eine ganz eigene indisch gefärbte Version von zeitgenössischem Jazz auf die Bühne. Experimentelle Gesangspassagen, Poetry und traditionelle Rhythmen werden ergänzt vom Klang des indischen Harmoniums und den Tongirlanden von Sopransaxophonist Matt Nelson.

Altsaxophonist Steve Lehman verbindet sein Powerplay bei Sélébéyone mit dem englischsprachigen Rap von HPrizm und der Poetry von Gaston Bandimic in der senegalesischen Sprache Wolof. Digitale Klänge vom Laptop und das kraftvolle Spiel von Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Jacob Richards, sowie das interessant verfremdete Soprano von Maciek Lasserre prägen den Sound der Band. HipHop, Poetry und zeitgenössischer Powerjazz gehen hier eine mitreißende Ehe ein.

Wie in Watte gepackt fühlt sich der Reporter am dritten Festivaltag nach den zwei wilden und lauten Nächten im Lido nun im Wilmersdorfer Festspielhaus. Der Schlagzeuger Tyshawn Sorey hat auf der großen Bühne ein großes Sammelsurium an Percussionsinstrumenten aufbauen lassen. Ein Drumset, Gongs, Vibraphon und vieles mehr. Doch aus dem Überfluss an Möglichkeiten resultiert eine Musik der Sparsamkeit und Kostbarkeit. Jedes Instrument wird vom Schlagzeuger und Komponisten einzeln gewürdigt und zwischen fast jedem Ton gibt es ausreichend große Pausen zum Erlauschen des Ausklangverhaltens. Im Trio mit Pianist Cory Smythe und Bassist Chris Tordini entsteht hier ein Free Jazz ohne Wut, eine fast schon esoterisch anmutende Performance der musikalischen Achtsamkeit.

Gezähmte Raffinesse

Ebenso gezähmt und gleichzeitig raffiniert sind die Arrangements des norwegischen Dirigenten Geir Lysne für die NDR Big Band. Seine „Abstracts from Norway“ featuren weniger einzelne Solisten, als vielmehr das Ensemble als ganzes. Selbst der ansonsten infernalische Eivind Aarset hält sich hier lautstärkemäßig zurück, wenn auch seine Gitarrenklänge gewohnt vielschichtig und kantig sind. Der Abend endet mit einem Rückblick auf die Musik vieler großartiger brasilianischer Songschreiber wie Joao Bosco oder Ivan Lins, und deren Werke, die während der fast 20 Jahre währenden Militärdiktatur seit Mitte der 60er Jahre entstanden. Die Sängerin Monica Vasconcelos hat dazu ein sechsköpfiges Ensemble mitgebracht, das weitgehend im Bossa Nova-Stil spielt. Die portugiesischen Texte werden übersetzt und Schwarzweißfotos von Rosa Gauditano, die viele wütende Demonstrationen aber auch das lebensfrohe Alltagsleben der Zeit dokumentieren, bilden einen starken Kontrast zur so sanften Musik, trotz der Teils drastischen Erfahrungen von Verfolgung und Folter, die etliche Songwriter machen mussten.

Der vierte Festivaltag beginnt mit der nachmittäglichen Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) an Angelika Nescier und einer Laudatio des Leiters der Bundeszentrale für Politische Bildung Thomas Krüger, der ein bekennender Jazzfan ist. Die Altsaxophonistin bedankt sich für die Würdigung und 15.000 EUR Preisgeld mit einer rasanten Performance im Trio mit Drummer Tyshawn Sorey und Bassist Chris Tordini auf der großen Bühne.

Mit Michael Wollny steht dann zur Primetime ganz allein mit seinem Flügel im Mittelpunkt und nutzt die Stunde für ein längeres und zwei kürzere Stücke, in denen er die ganze Bandbreite seiner Spielkunst vorführt. Angefangen bei Manipulationen der Saiten mit den Händen zu zartesten Akkorden und Melodiefragmenten bis hin zu einem Donner, der das Instrument fast zu bersten droht. Anklänge von Romantik gehen über in lockere Swingphrasen, introspektive Improvisationen in expressive Ausbrüche.

Beeindruckende Stimme aus dem Südsataatenknast

Der junge amerikanische Trompeter Ambrose Akinmusire bringt eine Auftragskomposition zum Jazzfest mit, die mehrere Gesangsaufnahmen eines Musikforschers von einer Insassin aus dem Gefängnis von Mississippi von 1939 zur Grundlage hat. Sparsam instrumentiert legt sich die Schwere des Lebens im Südstaatenrassismus über die Linien von Mattie Mae Thomas, über die sonst nichts bekannt ist, die aber durchaus nach Billie Holiday klingen und den Trompeter an den Gesang seiner Großmutter erinnerten. Als Samples kommen sie aus dem Laptop von Schlagzeuger Kendrick Scott aus einer gleichzeitig fernen, aber auch wieder erschütternd aktuellen Zeit. Sänger Dean Bowman singt mit gebrochener Stimme kontrastierende Blues- und Soulphrasen, die Gitarre von Marvin Sewell gleitet in Blue Notes. Akinmusires klares Trompetenspiel meditiert über Geschichte und Gegenwart der afroamerikanischen Bevölkerung in einem Land, in dem der Rassismus gerade von höchster staatlicher Stelle, dem Präsidenten, wieder hoffähig gemacht wird.

Ebenfalls mit einer Auftragskomposition kam der irakisch-amerikanische Trompeter und Komponist Amir El Saffar am Festivalsamstagnachmittag in die Kirche am Hohenzollernplatz. Die acht Musiker des Zinc & Copper-Ensembles kommen von allen Seiten spielend auf die Bühne und verschwinden später ebenso. El Saffar hat für dieses Konzert eine Partitur geschrieben, die zeitgenössischen Jazz, Kammermusik und die Rhythmik und Melodik der Maqam-Musik verbindet ohne dabei allzu vordergründig nach Weltmusik zu klingen.

Dem mainstreamigen Bebop und auch lyrischen Passagen hat sich die britische Band Empirical verschrieben. Gewandet in smarte Anzüge wirken sie wie ein Echo der Young Lions aus den 90er Jahren. Altosaxophonist Nathaniel Facey lässt das Erbe Charlie Parkers erklingen, das durch die vielen Eric Dolphy- und Ornette-Coleman-Epigonen beim Jazzfest fast in Vergessenheit zu geraten droht. Auch die kanadische Trompeterin Ingrid Jensen beschreitet am letzten Abend in einem Quintett mit ihrer Schwester Christine am Saxophon einen musikalischen Weg, der eher von vom Bebop und Hardbop kommt und den Free Jazz komplett ausklammert, eine beim Jazzfest fast schon rare Haltung, aber eben dadurch auch zu spannungsarm.

Im Turban auf dem Hammondorgel-Thron

Mit Dr. Lonnie Smith kommt am Samstagabend eine Jazzlegende nach Berlin. Wie ein Altar tront die Hammond-B3-Orgel, ein hölzeneres Ungetüm in der Mitte der Bühne, dahinter das schrankgroße Leslie, das zwei sich drehende Lautsprecher beherbergt. Und wer glaubte der 75jährige würde nun nur ein bißchen belanglosen Groove-Jazz spielen wurde eines besseren belehrt. Smith, mit langem weißen Bart, Turban und in eine indischen Seidenjacke gekleidet, zaubert aus dem elektromagnetischen Ungetüm, dunkel dräuende Bässe und plötzlich aufbrüllende Blues-Licks. Nach einigen technischen Anlaufschwierigkeiten ergänzt Gitarrist Jonathan Kreisberg federnde Melodien mit seiner fetten Halbakustischen.

Lonnie Smith beherrscht meisterhaft in allen Facetten die große Klangbreite der Hammondorgel, von den Klangfarbenwechseln der Register, zur explosiven Dynamik durch das Lautstärkepedal, und den Tempowechseln beim Leslie. Doch diese Klangvielfalt reicht dem exzentrischen Musiker nicht aus. Mit einem weiteren Doppelmanual ergänzt Smith Orchestersamples mit Flöten und einer nach Miles Davis klingen Trompete mit Dämpfer und viel Luftgeräusch. Zum Schluss tanzt er mit einem auf magische Weise blubernde Basstöne erzeugenden Gehstock über die Bühne und erhält für die Performance und sein Lebenswerk die wohlverdienten stehenden Ovationen des Publikums.

Präzise wie ein Uhrwerk setzt Christian Lillinger im Trio mit Petter Eldh am Kontrabass und Kaja Draksler die Akzente auf seinen Becken und zwei Snare Drums. Ergänzt um Metallschalen, die er über die Becken schabt oder Holblöcke, die die Felle abdämpfen. Mit einem rauhen Stab bringt der Schlagzeuger die Becken zum Singen und erzeugt kleine Melodien. Petter Eldh ergänzt mit kratftvoll pulsierenden Tieftönen, das filigrane Spiel von Lillinger und Pianistin Draksler.

Große Bandbreite von experimentell bis Mainstream

Der letzte Festivaltag bietet noch einmal eine große Bandbreite von experimentell bis Mainstream. Die sieben Sängerinnen der Trondheim Voices tragen in der Gedächtniskirche nicht nur interessante schwarze Kleider designt zwischen Folklore und Moderne, sondern auch elektronisches Equipment bei sich mittels dem sie ihre eigenen Stimmen manipulieren können. Im Ergebnis entstehen Klänge aus Gesang, Atemgeräuschen, Zischlauten und vielem mehr, die zu einer überwiegend improvisierten meditativen Gesamtkomposition mit vielen langen Tönen und phrasenhaften Melodien verschmelzen. Organist Kit Downs leitete den Abend mit seinen Improvisationen auf der großen Kirchenorgel ein. Er löst das Instrument vom sakralen Klang und lässt mit dunklen Subbässen und flirrenden Holzbläserregistern eher an elektronische Synthesizer denken.

Der diesjährige und allererste Jazzfest-Artist in Resident Tyshawan Sorey präsentiert nach der Vorstellung eines Buches über die Orchesterleitungs- und -Improvisationstechnik Conduction des bereits verstorbenen Lawrence Butch Morris seine Version vom kreativen Umgang mit einem Großensemble. Die 20köpfige Gruppe enthält neben den Jazz typischen Instrumenten auch indische Perkussion (Tablas), Harfe, chinesische Zither, Akkordeon. Das Tutti, das Zusammenspiel aller Musiker des Ensembles ist dabei eher die Ausnahme. Immer wieder, teils in schnellem Wechsel arrangiert Tyshawn mittels Handzeichen und auf Papier geschriebene Anweisungen die Musiker aus verschiedenen Berliner Musiksubkulturen (Jazz, Free Jazz, Echtzeit, World Music) zu kleineren Teilgruppen um und fordert sie zum Spiel auf oder lässt sie pausieren. Heraus kommt dabei eine, trotz Großensemble auf der Bühne, eher kammermusikalische Improvisation, die manchen Zuhörer enttäuscht zurück ließ.

Mit Till Brönner und Monk im Ferrari

Das mit Spannung erwartete MONK'estra des kalifornischen Pianisten und Arrangeurs John Beasley hatte ebenfalls eine Besetzung die zum Teil aus in Berlin lebenden Musikern bestand. Ganz bescheiden setzt sich Till Brönner, der allerdings inzwischen überwiegend in Los Angeles lebt, in die hintere Reihe zu den anderen drei Trompetern, wie einstmals als junges Mitglied der RIAS Big Band. Die Kompositionen des vor 100 Jahren geborenen exzentrischen Pianisten und Komponisten Thelonius Monk wurden von Beasley allerdings fast bis zur Unkenntlichkeit umarrangiert zu groovendem Latin, explosivem Neo-Bop und sogar Funkrock mit munter blubernden Basslines. Die im Original oft rumpeligen und schrulligen Kleinode von Monk wurden hier zu hochglänzenden und explosiven Big-Band-Arrangements aufgemotzt, voll von angeberisch hohen Trompeten und sportiv funkelnden Tutti-Arrangements. Es klingt, als habe man eine sympathisch dahin schaukelnde Ente zu einem chromblinkenden und monströs röhrendem Ferrari aufgepimpt. Das hat dann mit dem Original nicht mehr viel gemeinsam, macht aber trotzdem Spaß, Publikum und Musikern gute Laune und hat zum Abschied vom Jazzfestleiter Richard Williams einen gehörigen Knalleffekt.

Richard Williams nimmt Abschied in allen Sprachen des Jazz

In seiner letzten Ausgabe hat der britische Journalist Richard Williams, der nie zuvor ein Festival kuratiert hat, unter dem Titel „In All Languages“ viel Relevantes auf die Bühne des Jazzfest Berlin gebracht. Die Themen Migration, Rassismus und Politischer Widerstand fanden sich oft sehr beeindruckend umgesetzt im Programm wieder. Ganz versöhnen lassen sich die verschiedenen musikalischen Strömungen allerdings nicht, weiterhin gibt es gegenseitigen Dünkel zwischen den eher tonal und den eher atonal und frei improvisierenden Szenen. Dass für beides aber inzwischen gleichermaßen Platz auf der Bühne des Jazzfest und im Herzen des Jazzfest-Publikums ist, ist ein sehr gutes Zeichen für gegenseitige Akzeptanz und Offenheit. Im nächsten Jahr wird erstmals eine Frau das Jazzfest Berlin leiten. Nadin Deventer, die bereits seit Jahren für die Berliner Festspiele arbeitet, hat bereits eine große Liste zusammen und sicherlich noch mehr Anregungen und Einflüsterungen während des diesjährigen Festivals erhalten. Die Qual der Wahl und die Formung eines überzeugenden Konzeptes, sie liegen nun die nächsten drei Jahre in ihrer Hand.

Kein Zuckerschlecken im Jazzwalzertakt

Poetry, HipHop, Afro Jazz - Jazzfest Berlin 2017 eröffnet

Berlin, 25.10.2017. Das Jazzfest geht da hin, wo es nicht nur gerade angesagt ist, sondern auch ein bisschen wehtut. Statt schicker Boutiquen und edler Galerien, wie rund um das Festspielhaus in Kudamm-Nähe, nun Kreuzberger Dönerbuden, Touristenscharen und Drogendealer am Wegesrand ins Lido. Die rauhere Umgebung im Spannungsfeld von Spaß und Elend, die ganz deutlich auch die Auswirkungen der Flüchtlingskrise widerspiegelt, passt zum ambitionierten Programm des Auftaktabends. Das Leben ist kein Zuckerschlecken im Jazzwalzertakt, wenn man vom falschen Kontinent kommt und / oder die vermeintlich falsche Hautfarbe hat.

Poetry. Hip Hop, Jazz, afrikanische Perkussion und Free Jazz-Elemente, all das konnte man beim Eröffnungsabend des 54. Jazzfest Berlin erleben. Der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender freut sich darüber, dass der „Jazz wieder jünger geworden“ sei. Und Festivalleiter Richard Williams hat für den Eröffnungsabend zwei hochenergetische Ensembles und seine Berliner „Lieblingsvenue“ das Lido ausgewählt. Das ist u.a. Dank des XJazz-Festivals und anderer vereinzelter Jazzkonzerte inzwischen auch schon ein bißchen eine Jazzlocation geworden.

Das überwiegend afroamerikanische Ensemble Heroes Are Gang Leaders besteht aus drei Spoken Word-Performern (zwei Männer, eine Frau), zwei Sängerinnen, zwei Saxophone, Trompete, Bass und Schlagzeug. Das Tentett hat die quirlige Energie einer Punkband und vermengt Elemente von Literatur-Performance, Tanz und Konzert miteinander.

Ultrafette Beats live gespielt von Bassist Luke Stewart und Schlagzeuger Warren Trae Crudup III erinnern an die Welt des HipHop. Roh gerissene Zweitonbasslinien und wummernde Bassdrums ergänzen sich mit Tenorsaxophonsoli von James Brandon Lewis und stark verstimmte Synthesizerlinien von Janice Lowe und den fünf Stimmen zu einem Chaos liebenden Soundtrack über das Amerika von heute. „Fuck television, fuck iphone“ heißt es da unverblümt. Humoristischer geht es im Song „Beware of the Band Leader“ („Hüte Dich vor dem Bandleader“) zu. Und sie stellen die Frage wo der neue Amiri Baraka dieser Generation ist. Der Tod des afroamerikanischen Dichters und Aktivisten war im Jahr 2014 der Anlass für den Dichter, Fotografen und Hochschullehrer Thomas Sayers Ellis die Gruppe zusammenzutrommeln.

Textverständlichkeit liegt nicht ganz oben auf der Prioritätenliste für die Band, was viele anwesende Zuschauer im Gespräch nach dem Konzert beanstandeten, stattdessen gab es eine rauflustige Performance bis hin zum wütenden Zerschlagen eines Schellenringes.

Der britische Tenorsaxophonist Shabaka Hutchings hat sich für sein neuestes Projekt „The Wisdom of Elders“ mit Musikern aus Südafrika umgeben. Nach zunächst recht gemütlichem Einstieg steigern sich Shabaka and the Ancestors im zweiten Teil des Konzertabends schnell zu einem teils modalen, teils free jazzigem Power Play, das gelegentlich auch lyrische Momente hat.

Shabaka Hutchings improvisiert sich mit staccatoartigen Linien in Rage. Sein Sound erinnert an die großen Tenoristen der Fire Music wie John Coltrane, Archie Shepp, Pharoah Sanders oder auch Gato Barbieri. Südafrikanische Melodik und Polyrhythmik, gespielt von Alto-, Tenorsaxophon, Kontrabass, Drums und Perkussion erzeugen einen hypnotischen Groove auf den sich auch die Verse des Dichters Siyabonga Mthembu legen. „We need new heroes, we need new songs, new people“ heißt es bei ihm, er fordert eine femininere Politik. Und immer wieder geht es um „Black Lives Matter“, den Protestslogan aus der aktuellen amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der natürlich ohne weiteres auch auf die aktuelle Flüchtlingskrise angewendet werden könnte.

Beide Konzert gemeinsam bilden einen kraftvollen Auftakt für die dritte und letzte Ausgabe des Jazzfest Berlin unter der Leitung von Richard Williams, das auch am zweiten Festivaltag im Lido mit Amirtha Kidambi & Elder Ones und Steve Lehman & Sélébéyone weitergehen wird, bevor es am Donnerstag (2.11.) noch bis zum Sonntag (5.11.) mit Konzerten im Festspielhaus, im Jazzclub A-Trane und in der Gedächtniskirche weitergeführt wird. Oliver Hafke Ahmad

www.berlinerfestspiele.de


Wassermusik 2017

Neue Bossa Nova

Berlin, 12.08.2017. Am Wochenende verbschiedete sich im Berliner Haus der Kulturen der Welt die zehnte Ausgabe des kleinen aber exquisiten von Detlef Diederichsen und seinem Team kuratierten Festivals Wassermusik mit neuen brasilianischen Klängen von Marcos Valle und Moreno Veloso. In den vorangegangenen Wochenenden spielte u.a. die südafrikanische Piano-Legende Abdullah Ibrahim oder die Sängerin Oumou Sangaré aus Mali.

Spaß mit Publikum und den Kollegen: Moreno Veloso. Foto:OHA

Moreno ist der Sohn des legendären Caetano Veloso und bekannt geworden durch seinen Mix aus Singer-Songwriting mit elektronischen Einflüssen. Doch nicht nur der Sound ist elektronifizierter als bei den klassischen Tropicalia-Helden, auch die Stimmung ist bei Moreno deutlich heller die sich zumeist mit akustischen Instrumenten begnügten und noch die brasilianische Militärdiktatur erleben mussten.

Veloso hatte ausgesprochen gute Laune und verbreitete sie unter seinen Mitmusikern und vor allem dem Publikum, darunter viele brasilianische Expats. Auch der auf der Dachterrasse einsetzende Nieselregen konnte die gute Laune nicht verderben, keine Saudade weit und breit. Stattdessen neben akustischer Gitarre, ein zweiter Gitarrist mit Rockequipment, funkiger Bass und Spaßpercussion mit Bananenrassel und Nasenflöte.

Agua der Beber in einer funky Version am Rhodes: Marcos Valle. Foto: OHA

Zuvor heizte bereits der schneeblonde Pianist und Sänger Marcos Valle, mit seiner für einen 74Jährigen unglaublichen Lokenmähne und einer geradezu jugendlichen Lässigkeit dem Publikum an Fender Rhodes, Klavier und mit seiner intimen Stimme ein und konnte sich auf die Textsicherheit seiner Fans verlassen. Bereits Mitte der Sechziger veröffentlichte er erste Songs und hatte mit dem Summer Samba einen Welthit. Seine Frau Patrícia Alví ergänzte mit zweiter Stimme die Songs auf Portugiesisch und Englisch.


Im Kollektiv zum Erfolg: West Coast Get Down

Bassist und Sänger Miles Mosley überzeugt in Berlin

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Hat Stimme, Energie und Kollektivgeist: Miles Mosley. Foto: OHA

Berlin, 03.04.2017. Mehr als 100 Songs aufgenommen in 30 Tagen in einem Studio in Los Angeles: Dieses Kollektiv hat wahrlich Nägel mit Köpfen gemacht. Jeder hat 2000 Dollar in den Topf gelegt und durfte anschließend mit dem Kollektiv drei Stunden täglich seine eigenen Songs aufnehmen. Das West Coast Get Down-Kollektiv kommt nun nach und nach mit den Ergebnissen dieser Mega-Session an die Öffentlichkeit. Als erstes erstürmte Saxophonist Kamasi Washington mit seinem Dreifach-Album „The Epic“ voller Spiritual Jazz, Gospel und Soul quasi über Nacht und ohne großes Plattenlabel im Rücken Musikmagazine und Bühnen weltweit. Nun folgen nach und nach die anderen Musiker, die auch bereits mit Kamasi auf Tour waren mit Ihren eigenen Aufnahmen und Konzerttourneen.

Mit Miles Mosley stand am Montag-Abend im Berliner BiNuu der Kontrabassist, Sänger und Songwriter auf der Bühne, der mit seinem Black-Panther-Outfit und seinem druckvollen Spiel bereits in der Band von Kamasi Washington aufgefallen ist. Und auch als Bandleader hat Mosley genau so gerockt und begeistert, wie er es bereits Kamasi Washingtons Band getan hat.

Zweifelsfrei ein Multitalent als Sänger, Bassist und Songwriter: Miles Mosley. Foto: OHA

Der Abend startete mit dem Auftaktsong „Young Lion“ des Albums „Uprising“, doch mit dem konservativen Mainstream-Jazz aus den 90ern hat dies nichts zu tun. Der Song ist eher inspiriert vom Rock und Soul eines Jimi Hendrix. Mosley spielt seinen Kontrabass mit einer ganzen Batterie an Effektgeräten, wie ein Rockgitarrist. Übersteuerungseffekte, Flanger, Echo und vor allem Wah Wah gehören ganz selbstverständlich zu seinem Repertoire. E-Gitarren-ähnliche Soli spielt er mit dem Bogen. Dazu singt er mit einer mal kraftvollen Soul und Rockstimme, mal mit fast schüchterner Jungenstimme, wie am Anfang des Songs „L.A. Won't Bring You Down“, der davon handelt, wie man in der Stadt der Hollywood-Träume mit Mißerfolgen umgehen sollte um doch noch sein Ziel zu erreichen. Ein typisch amerikanischer Song mit einer typisch amerikanischen Stehauf-Mentalität, passend zum Album Titel „Uprising“, der von nichts anderem zeugt, als dem unbedingten Aufstiegswillen aus dem namenlosen Heer der lokalen Musiker von Los Angeles.

Pianist mit ungewöhnlichem Look und flinken Fingern: Cameron Graves. Foto: OHA

Mosleys Band The West Coast Get Down besteht hier aus dem Keyboarder Cameron Graves, dem Posaunisten Ryan Porter, dem Trompeter Philip Dizack und Tony Austen an den Drums. Allen gemeinsam ist das hohe Energieniveau auf dem gespielt wird. Tony Austen, wie immer hinter einer Sonnenbrille versteckt spielt komplex und druckvoll. Jazz, Rock, HipHop, alles wie aus einem Guss. Pianist Graves sieht mit seinen muskulösen und tätowierten Oberarmen unter einer Lederweste und seiner Lockenmähne eher wie ein Heavy-Metal-Gitarrist aus, spielt aber rasanteste Arpeggios und komplexe Rhythmen auf seinem E-Piano. Auch er hat gerade das Ergebnis seiner Session unter dem Titel „Planetary Prince“ veröffentlicht. Posaunist Ryan Porter verwendet wie auch Mosley Effektgeräte um den bekannten Instrumentenklang zu erneuern und kraftvolle Soli zu spielen.

Sicherlich einer der besten Drummer weltweit: Tony Austin. Foto: OHA

Wer glaubte, dass mit Miles Mosley nun ein vielleicht weniger überzeugender Abklatsch des überzeugenden „The Epic“-Konzepts von Kamasi Washington nach Berlin kommt, wurde eines besseren belehrt. Mosley hat seine ganz eigene mitreißende Version von Jazz, Rock und Soul kreiert, die insbesondere von seinem kreativen Bassspiel, seinen durchweg eingängigen Songs und seiner mitreissenden Stimme getragen wird. Auf die weiteren Aktivitäten der West Coast Get Down-Künstler kann man nur gespannt sein, ihr Erfolg ist hoffentlich eine Inspiration für viele weitere Künstlerkollektive in aller Welt. Oliver Hafke Ahmad

Miles Mosley „Uprising“, Taming Bear Publishing
www.milesmosley.com
bandcamp.com


Der Jazz beim großen Geld

Finanzminister Wolfgang Schäuble hört zu: Deutsche Jazz-Prominenz im Ministerium. Foto: OHA

Till Brönner, Günther Baby Sommer und Peter Weniger zu Gast im Bundesfinanzministerium

Berlin, 01.02.2017. Trompetenklänge mischen sich mit Saxophon und Glockenröhren im Foyer des Bundesfinanzministeriums in Berlins Mitte unter einem riesigen mehrteiligen abstrakten Gemälde. Der düstere ehemalige Nazi-Bau hallt wieder von einer freien Improvisation dreier Jazzprofessoren: Till Brönner, Peter Weniger und Günther Baby Sommer. Der legendäre DDR-Free Jazzer und Schlagzeuger Sommer und der rheinische Publikumsliebling mit der Trompete Brönner, der sonst musikalischen Experimenten eher aus dem Weg geht, umgarnt vom Saxophonisten Weniger.

Improvisation ohne Notenvorlage, ohne strenge Ordnung und dennoch harmonisch. So stellen sich neoliberale Wirtschaftswissenschaftler den Markt vor, Angebot und Nachfrage gleichen sich stets aus, alle Marktteilnehmer agieren rational, hier und da greift der Staat behutsam ein. Die Realität zeigt aber immer wieder, dass am Markt Chaos und Irrationalität herrschen, dass auf einem ungezügelten Markt manipuliert und betrogen wird, was das Zeug hält und, wenn es dann schief geht, die Schuldigen des Desasters am Ende sogar die Chuzpe haben, sich vom Staat mit Abermilliarden retten zu lassen und eine Unschuldsmiene aufzusetzen.

Improvisationskunst brauchten daher sicher auch Hausherr Wolfgang Schäuble und seine Angestellten im Finanzministerium bei der Bewältigung der diversen Finanzkrisen der letzten Jahre. Improvisationskunst brauchten sicher auch die Beamten, die Jahre zuvor, als das Haus noch die Treuhand beherbergte, das Vermögen der DDR sicherten, neu ordneten und in den Augen vieler Betroffener verschacherten. Finanzminister Schäuble ließ es sich nicht nehmen selbst anwesend zu sein bei der Veranstaltung mit dem Titel „Musik. Zeit. Räume“, die am Mittwochabend über mehrere musikalische Stationen durch das Erdgeschoss des geschichtsträchtigen Hauses an der Wilhelmstraße führte.

Günther Baby Sommer gongt im Foyer, trötet im Flur und scheppert in der Kantine - und swingt dabei ungemein. Foto: OHA

Auf einer mehrtönigen Tröte, wie der Rattenfänger von Hameln, lockt Günther Baby Sommer die rund 250 Gäste zur jeweils nächsten Station. Er bringt sie zum Paternoster, wo einige junge Talente an Schlagzeug, Saxophonen und Posaune ebenfalls frei improvisierte Klänge darbieten. Danach geht es in die Kantine wo mit Schüsseln, Löffeln, Gabeln geklappert und gescheppert wird und eine Zuschauerin von Sommer spontan zum Spielen des Vibraphons animiert wird. Der Höhepunkt dann ein Konzert in der Kantine, eröffnet vom Finanzminister persönlich, der an die Historie des Hauses (Luftfahrministerium im Dritten Reich, Haus der Ministerien in der DDR, Treuhandanstalt nach der Wende und heute Finanzministerium) erinnert. Till Brönner traf hier bereits zur Eröffnung des Ministeriums auf den jüdischen Jazzgitarristen Coco Schumann, der als Musiker das Konzentrationslager Auschwitz überlebte.

Im Quartett spielen Brönner, Weniger, Sommer und Bassist Josh Ginsburg teils rasant swingenden, teils balladesken Jazz auf höchstem Niveau. Günther Baby Sommer zeigt, dass er, obwohl er in der Tradition des Jazz tief verwurzelt ist, die Tradition mit Lust und Wonne in einem Handstreich und laut scheppernd entrümpeln kann, wie eine Schüssel voll mit altem Besteck. Brönner und Weniger glänzen mit Virtuosität und so endet mit freien Versionen von „Sunny Side of The Street“ oder „You Don't Know What Love Is“ ein vergnüglicher Jazzabend im Ministerium.

Beim anschließenden Empfang zeigen sich Jazzprominenz und Politik offensichtlich von einander angetan und haben sich viel zu sagen. Ob Brönner die Gunst der Stunde genutzt hat und beim Herren über die Steuermilliarden für sein Projekt eines House of Jazz in Berlins Alter Münze mit ihm selbst an der Spitze geworben hat? Wir können es nur vermuten und hoffen, dass dieses Projekt, wenn es denn Wirklichkeit wird, auch einer größeren Anzahl an improvisierenden und experimentellen Musikern aus dem weiten Feld des Jazz nutzt.

www.bundesfinanzministerium.de


Jaga Jazzist in Berlin

Der pure Luxus von Klangvielfalt und Könnerschaft

Jaga Jazzist: Musik und Visuals im psychedelischen Farbrausch. Foto: OHA

Berlin, 2.12.2016. Die Bühne ist vollgestellt mit Instrumenten, dazwischen Leuchtstäbe mit LEDs, der Hintergrund mit einem psychedelischen schwarzweißen Muster bedruckt. Die Bühne ist so voll dass der Eröffnungsact, das Duo Aiming for Enrike, nicht auf der Bühne, sondern vor der Bühne spielen muss. Nur mit Gitarre, einer Armada von Effektgeräten und einem Drumset voller zerbrochener und gerissender Becken kreieren die beiden jungen Musiker umringt vom kopfnickenden Publikum einen wahnwitzigen und hypnotischen Techno-Metal-Loop-Rock und stimmen damit auf die nun folgenden Jaga Jazzist bestens ein.

Gitarre, Vibraphon, Synthesizer: Klangfarbenkünstler Andreas Mjos. Foto: OHA

Fast jeder Musiker des bereits seit 1994 existierenden und zurzeit achtköpfigen norwegischen Ensembles Jaga Jazzist spielt nicht nur ein Instrument, sondern zwei oder mehr. Gitarrist Andreas Mjøs wechselt auch zum Vibraphon und hat auf einem weiteren Ständer einen monophonen Analogsynth von Korg dabei. Der zweite Gitarrist Lars Horntveth spielt außdem noch Tenor- und Sopransaxophon, Querflöte, Bassklarinette, eine Metall-Klarinette und bedient Synthesizer. Auch Bassist Even Ormestad bedient neben einem elektrischen Viersaiter einen Basssynthie. Was mit dieser Klangvielfalt entsteht ist eine mächtige Wall of Sound kontrastiert von gleichzeitg raffinierten und eindringlichen Melodien. Sie wird vorangepeitscht von dem mit baumdicken Armen gespielten durchsichtigen Plexiglasschlagzeug von Martin Horntveth.

Peitscht sein Ensemble voran: Martin Horntveth. Foto: OHA

Der Drummer mit dem rauschend langen Vollbart spielt ein kraftvolles Rockschlagzeug, dunkel gefärbt von den beiden Standtoms. Sein großes Ridebecken hängt ihm vor dem Gesicht, zwischen den episch langen Songs springt er hervor und spricht zum Publikum. In der Bläsersection ergänzen noch Poasaunist Erik Johannessen und die Tubaspielerin, Flötistin und Sängerin Line Horntveth den komplexen Sound der Band.

Das Ensemble um die drei Geschwister Horntveth fühlt sich dem progressiven überwiegend instrumentalen Rock ebenso verbunden, wie der elektronischen Musik und dem Jazz. Es braucht nur ein halbes Dutzend Songs, wie Shinkansen, Big City Music, Oban, aus ihrem Oeuvre von inzwischen sechs Studio-Alben und dem hochgelobten Live-Aufnahmen mit der Britten Sonfonia, um das Publikum des Gretchen abendfüllend zu unterhalten und musikalisch zu inspirieren. Das neueste Werk heißt Starfire und der gleichnamige Song hat geradezu Hitqualitäten und ist einer der Highlights eines insgesamt großartigen und beeindruckenden Konzertes.

Der Einzelne geht auf im orchestralen Gesamtklang. Foto: OHA

Ihre Alben sind liebevoll gestaltet und natürlich auch in Vinyl zu haben. Es ist ein Soundtrack der Kraftwerk ebenso absorbiert hat, wie die sphärischen Klänge von Björk oder die Hypnotik von Techno-Scheiben oder die minimalistischen Big-Band-Arrangements von Gil Evans, insbesondere zu hören im Song Bananfluer Overalt. Was sie aber von den meisten reinen Elektronikfricklern unterscheidet ist, dass sie auf der Bühne nicht auf Playbacks zurückgreifen, um diesen Sound live herzustellen, sondern auf kistenweise Instrumente und vor allem Könner, die jeder mit ganzen Koffern voller Effektgeräte zu Ihren Füßen, eine unendliche Klangvielfalt erzeugen können.

Und wie auch Musiker wie Nils Petter Molvaer legen sie Wert auf ein visuelles Erlebnis, das mithilfe der mitgebrachten Leuchtstäbe erzeugt wird und vom bandeigenen Lichtmann clever in immer neuen Variationen eingesetzt wird. Das spannende an Jaga Jazzist ist die Gleichzeitigkeit eines eher nostalgischem analogem Purismus und einem elektronischen Zukunftssound, den sie damit erzeugen, in den sie die Polyrhythmik afrikanischer Popmusik, die klagende Country-Stimmung einer Slidegitarre oder den jazzigen Sound eines Vibraphons verschmelzen.

Die klassische Rockband als Fundament eines zeitgenössischen Orchesters. Foto: OHA

Jaga Jazzist sind ein ausschweifender Luxus in einer der Ökonomie unterworfenen Musikszene, die entweder gleich ganz auf Musiker verzichtet und sich von Playbacks abspielenden DJ-Produzenten-Sängern unterhalten lässt oder eben versucht mit Kleinstemsembles maximalen musikalischen Effekt und Gewinn zu erzeugen. Jaga Jazzist passen daher mit ihrer totalen Hingabe an die handgemachte Musik, an analoge Gitarren, Amps und Effektpedale und an kompromißlos lange Kompositionen so gut in unsere Zeit der Crafted-Beers und tagelang gegarten Rinderbraten, während die zirpenden und teilweise brüllenden Synthesizer gleichzeitig daran erinnern, dass wir an der im Millisekunden getakteten digitalen und elektronischen Welt hängen wie an einer universellen seriellen Nabelschnur.
Oliver Hafke Ahmad

jagajazzist.com


Die Jan Garbarek Group in der Berliner Philharmonie

Runen-Zauber und funky Staccato

Noch immer melodiensatt: Jan Garbarek am gebogenen Sopransaxophon. Foto: OHA

Berlin, 23.11.16. Er hat eine Stimme, die man unter zahllosen Saxophonisten wiedererkennt. Der norwegische Saxophonist Jan Garbarek hat geschafft, wovon viele träumen, nämlich unverwechselbar zu sein. In der Berliner Philharmonie tritt er mit seinen langjährigen Gefährten, dem unerschütterlichen Rainer Brüninghaus, dem noch immer tollkühnen indischen Perkussionisten Trilok Gurtu und dem ebenfalls wahnwitzig virtuosen Brasilianischen Bassisten Yuri Daniel auf.

Ein Quartett umschlingt die Welt, das ist auch musikalisch Programm bei Jan Garbarek, der wie immer mit seiner halb geöffneten Saxophontasche auf die Bühne kommt, wie auf einen kurzen Sprung, bevor er wieder verschwindet in den Weiten der Musik. Dabei wirkt er kein bißchen gehetzt, wie so manch anderer musikalischer Weltenreisender, sondern frisch geduscht, ausgeruht und die noch immer halblange Mähne adrett gekämmt.

Angeber-Slap und Kamelhaut-Laute

Im Bassisten Yuri Daniel hat Garbarek einen melodischen Widerpart gefunden, den er einst in Eberhard Weber gefunden hatte. Daniel lässt seinen fünfsaitigen bundlosen Bass ebenso schwebend singen, wie Garbarek sein Sopransaxophon oder später auch sein Tenor. In einem ausuferndem Solo verbindet er Bach mit angeberhaftem Slap-Bass, lässt seinen hochgezüchteten E-Bass klingen wie eine nordafrikanische Kamelhaut-Laute. Spielerisch leicht strömen ihm brasilianische Grooves, frickelige Pulslinien oder Flamenco aus den Fingern.

Garbarek spielt dazu keineswegs nur folkloristisch einfache Melodien, lange Töne mit viel Halleffekt, sondern auch sehr funky und staccato. An einigen Stellen erinnert er mit seiner Brummigkeit überraschenderweise sogar an den Tenor-Sound von Grover Washington Jr. Garbarek ist also keineswegs nur nordischer, nach Runen-Zauber klingender Esoteriker, sondern auch geerdet im afroamerikanischen Blues, Funk und Soul.

Trilok Gurtu, umstellt von zahllosen Becken, Toms, indischen Tablas und allerlei weiterem Perkussivmaterial, kann nicht nur die komplexesten indischen Rhythmen singen, klatschen und trommeln, sondern auch einen fetten Backbeat ins Schlagzeug hämmern. Allerdings bleibt Gurtu nie so lange bei einem einzigen Groove, wie die meisten weniger talentierten Schlagzeuger. Allzu schnell fällt ihm wieder etwas Neues und Außergewöhnliches ein.

Vogelstimmen neben dem Wassereimer

Weiße Haare, weise Spieler: Jan Garbarek und Trilok Gurtu. Foto: OHA

Neben zahlreichen bekannten Garbarek-Melodien, deren Namen so unwichtig sind, dass niemand sie ansagt, spielt jeder Musiker des Quartetts mindestens ein langes unbegleitetes Solo. Gurtu beginnt mit zwei bunten Rohren die er nicht nur aufeinander schlägt, sondern auch auf ein Quintett von gestimmten Holzblöcken um dann nach und nach das ganze Drum-Set einzubeziehen. Nach einem Wechsel zum gesprochenen Rhythmus, dessen irrwitziges Tempo und Komplexität jeden Rapper alt aussehen lässt, bearbeitet Gurtu Vogelpfeifen und hämmert schließlich auf einem mit Wasser gefüllten Eimer herum. Die Vielfalt der Klänge ist bei dem inzwischen weißhaarigen Wahlhamburger Trilok Gurtu unendlich und das ganz ohne elektronische Effekte, abgesehen von den Mikrofonen.

Auch Rainer Brüninghaus weiß das Publikum zu beeindrucken. In seinem Solo wandert er von harmonischen Klangkaskaden zu rasantem Ragtime um dann genau in diesem Rhythmus voller Kraft in eine donnernde Free Jazz-Version des Ragtime überzugehen.

Kompromisslose Entertainer

Auch wenn die vier Musiker des Jan Garbarek-Quartetts musikalisch kompromisslos erscheinen, sind sie doch auch jahrzehntelang bühnenerfahrene Entertainer, die wissen, wie man ein Publikum packt und gut gelaunt nach Hause schickt. Mitklatschen hilft dabei immer und so wird das Publikum nach gut zwei Stunden zum Mitklatschen animiert, während Garbarek Melodie-Miniaturen dazwischen setzt, die im Ohr noch nachklingen, als das Konzert längst vorbei ist.

Garbarek und seine Band sind wie ein Fels der Verlässlichkeit in der Brandung der Musik. Und obwohl es wenig überraschend neue künstlerische Wendungen zu hören gibt, ist man dennoch überrascht, wie gut diese längst nicht mehr jungen Musiker jeder für sich allein, aber eben auch als Gruppe sind. Oliver Hafke Ahmad

24.11.2016,Göttingen, 25.11.2016 Köln, 27.11.2016 Marburg, 28.11.2016 Regensburg, 29.11.2016 Würzburg, 30.11.2016 Essen, 02.06.2017 Hamburg

www.garbarek.com/


Jazzfest Berlin 2016

Die Genres konvergieren während die Grenzen schließen

Am Wochenende ging das Jazzfest Berlin 2016 mit Autritten von Nik Bärtschs Ronin, dem Trio von JackDeJohnette und dem White Desert Orchestra von Eve Risser zu Ende.

Amerkanische Jazzprominenz aus zwei Generationen: Ravi Coltrane, Matt Garrison, Jack DeJohnette. Foto: OHA

Berlin, 5. und 6.11.16. Am Samstag präsentierte der Pianist Nik Bärtsch seine Version von Jazz, Rock und Minimal Music. Sein bestens eingespieltes Quartett Ronin wurde ergänzt um die Posaunen, Trompeten und Saxophone der Bigband des Hessischen Rundfunks. Orchesterleiter und Arrangeur Jim McNeely erweiterte Bärtschs Kompositionen um einige teils einfühsame teils mächtige Bläserlinien. Das Jazzfest-Publikum ließ sich von dem polyrhythmischen und polymetrischen Geflecht, das weitgehend ohne musikalische Themen auskommt, in Trance versetzen und jubelte anschließend befreit vom Ballast der Melodielinien.

Mit dem Trio des Schlagzeugers Jack DeJohnette, des Saxophonisten Ravi Coltrane (Sohn des berühmten John) und des Bassisten Matt Garrison (Sohn des Coltrane Bassisten Jimmy) kam amerikanische Jazzgeschichte und -Gegenwart auf die Bühne des Berliner Jazzfest. DeJohnette war 1966 immerhin eine Woche lang in der Band des großen John Coltrane und hat anschließend in zahlreichen Bands u.a. mit Charles Lloyd, Miles Davis und Keith Jarrett Jazzgeschichte geschrieben.

Hier noch am Klavier: Schlagzeuger Jack DeJohnette. Foto: OHA

De Johnette begann zunächst versonnen spielend am Flügel. Aber er ließ sich auch ein Drumset mit sechs TomToms aufbauen und einer übergroßen Snare Drum. Entsprechend dunkel und kraftvoll klang sein Schlagzeug. In der knappen Stunde Programm war DeJohnettes Solospiel ausführlich zu hören. Das Trio spielte weitgehend offene Improvisationen ohne allzuviel Arrangement und strikte Form. Matt Garrison zupfte keinen Kontrabass, wie sein Vater, sondern spielte auf einem E-Bass und erweiterte dessen Tieftonspektrum um zumeist hochtönende Effekte vom Laptop. Ravi Coltrane, ganz in rot gekleidet, brachte Tenor-, Soprano- und das noch kleinere Sopranino-Saxophon mit. Insbesondere auf dem hochtönenden und selten gespielten Sopranino erstrahlten die Linien von Coltrane in hellem Glanz.

Im Nachtprogramm auf der Seitenbühne kam dann das Trio von Sängerin Lucia Cadotsch zum Zuge. Umspielt vom Kontrabassist Petter Eldh und zumeist zirkularatmendem Tenorsaxophonisten Otis Sandsjö interpretierte sie Songs von Kurt Weill wie Speak Low oder aus dem Repertoire von Billie Holiday (das Liebeslied Don't Explain und das die Lynchjustiz an Afroamerikaner anklagende Strange Fruit).

New Yorker High Speed Jazz: Steve Lehamn Octet. Foto: OHA

Musik, wie auf Bergen von Aufputschmitteln komponiert, kommt vom Steve Lehman Octet aus New York. Es sind High Speed-Kompositionen inspiriert von der Spektralmusik eines Olivier Messiaen mit ebensolchen Soli zumeist von Lehman selbst und seinem Tenorsaxophonisten Jonathan Finlayson abgefeuert. Die mangelnde klangliche Abwechslung in Lehmans Programm und seinem und Jonathans rasantem Saxophonspiel macht allerdings das Zuhören nach einiger Zeit recht anstrengend und freudlos.

Das Jazzfest 2016 verabschiedete sich mit dem White Desert Orchestra der französischen Pianistin Eve Risser. Inspiriert vom Morgen in einer schneebedeckten Wüste komponierte sie eine Musik irgendwo zwischen kammermusikalischem Jazz und Neuer Musik. Mit Basssaxophon, Klarinette, Trompete, Posaune, Fagott, Flöte, Gitarre, Bass und einem um viel Percussion ergänztes Schlagzeug hat sie viele Klangfarben und gleichzeitig versierte Solisten zur Verfügung, die sie auch ausführlich nutzte. Gitarre und Bass erweiteren den akustischen Klangkörper mit vielen elektronischen Effekten und Loops.

Klangfarbenreich und grenzüberschreitend: Eve Risser und das White Desert Orchestra. Foto: OHA

Das Jazzfest Berlin 2016 zeigte neue Wege aus den USA und eine vitale europäische Szene, die zumeist die Grenzen des Jazz in Richtung Neue Musik und Elektronik überschreitet und fast immer ganz selbst verständlich frei improvisierte Elemente enthält. Es vermochte den radikalen Free Jazz des Globe Unity Orchestra genauso zu integrieren, wie den jazzig angehauchten Folkpop von Julia Holter, die für ihre teils elfenhaft traumwandlerische teils poppig-leichtfüßige Performance ergänzt um vier Strings am Sonntagabend zaghafte Buhs hinnehmen musste.

Das Jazzfest zeigte damit, wie sehr die Musiker aus den Bereichen Jazz, Neue Musik, Free Jazz und Freie Improvisation, experimentelle Elektronik sich aufeinander zu bewegen und wie viel sie miteinander bewegen können. Während die Grenzen in Europa dicht gemacht werden, erschien die Musikwelt beim Jazzfest Berlin 2016 durchlässiger denn je und wurde dafür vom Publikum zumeist auch sehr geschätzt. Ob die Jazzwelt allerdings im nächsten Jahr unter einem offen rassistischen und möglicherweise sogar atomkriegslüsternen neuen US-Präsidenten Trump ebenfalls noch so unbeschwert zwischen Europa und Amerika hin- und herspringen und sich weitgehend mit sich selbst beschäftigen kann, das darf bezweifelt werden.

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Her mit dem Krach!

Das Globe Unity Orchestra feierte beim Jazzfest Berlin sein 50jähriges Bestehen und Brad Mehldau und Joshua Redman spielten im Duo.

Freiheit mittels Klang und Energie: Das Globe Unity Orchestra. Foto: OHA

Berlin, 4.11.2016. Vor dem Festspielhaus fragen Fans verzweifelt nach Karten, im Foyer summende Betriebsamkeit. Der aktuelle Leiter des Jazzfest Berlin Richard Williams scheint einiges richtig zu machen. Ausverkaufte Konzerte mit einer Mischung aus Neuentdeckungen und Tribut an langjährige Jazzprominenz. Der Freitagabend gehört zunächst dem Duo von Pianist Brad Mehldau und Saxophonist Joshua Redman. Es ist eines der Dreamteams des amerikanischen Jazz, an Duo-Alben haben sie bisher erst ein einziges gemeinsames, trotz Jahrzehntelanger Zusammenarbeit.

Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Doch während Joshua Redman einen hochmotivierten Eindruck macht, wirkt Mehldau manchmal lustlos. Teilweise mit nur einer Hand auf der Tastatur und dem Flügel halb abgewandt spielt er zwar immer noch präzise und gleichzeitig komplex, die Körpersprache scheint aber innere Abwesenheit zu signalisieren. Ist der Mann also einfach nur cool und macht mal eben mit Links, wovon andere mit Rechts nur träumen können oder ist er doch unmotiviert?

Seit 25 Jahren immer wieder ein Paar: Brad Mehldau und Joshua Redman. Foto: OHA

Redman ficht das nicht an und spielt mit hellem obertonreichem Ton zunächst auf dem Sopransaxophon, steigert sich von lyrischen Linien zu expressivem Powerplay, stets geerdet vom Blues. Redman erweist dem Bebop der 40er Jahre zunächst mit dem Charlie Parker-Blues „Cheryl“ die Ehre und auch als Zugabe gibt es einen Klassiker vom einstigen Innovator am Altsaxophon nämlich „Ornithology“. Den spielt Redman am Tenorsaxophon und boppt sich zitatenreich durch die Harmonien. Mehldau kontert mit rhythmischen Einwürfen und bringt den Flügel mit viel Pedal zum schwingen.

50 Jahre Globe Unity Orchestra

Im zweiten Teil des Hauptabendprogramms steht das Globe Unity Orchestra von Pianist Alexander von Schlippenbach auf dem Programm. Der hatte das damals noch zehnköpfige Ensemble 1966 für die damaligen Berliner Jazztage zusammengestellt. Festivalleiter Richard Williams weist in seiner Einführung darauf hin, dass wohl niemand damit rechnen konnte, dass dieses Ensemble so langlebig sein würde. Die inzwischen 50jährige Band ist damit wohl älteste Boyband des europäischen Free Jazz.

Fürsprecher für musikalische Qualität und Relevanz: Festivalleiter Richard Williams. Foto: OHA

Als die teils schon recht gebrechlichen Herren ergänzt um inzwischen zwei Generationen jüngerer Musiker (Rudi Mahall, Axel Dörner) die Bühne betreten, ist man an den kubanischen Welterfolg Buena Vista Social Club erinnert, der einige der Alten der kubanischen Musik vor dem Vergessen rettete und ihnen einen späten Erfolg sicherte. Das ist beim Globe Unity allerdings ganz anders, die meisten der hier versammelten Musiker sind prominente und einflußreiche Mitglieder der deutschen und europäischen Jazzwelt, bekommen immer wieder Fördergelder und Festivalauftritte. Hier ist eher ein Ensemble von Musikern auf dem Höhepunkt eines langen Marsches durch die Institutionen (des Jazz) zu bewundern.

Während in früheren Zeiten Free Jazz Ensembles zumeist beim ebenfalls subventionierten Parallelfestival Total Music Meeting zu hören und quasi ausgesperrt waren, treten Ensembles mit mindestens einigen freien Improvisationsteilen seid etlichen Jahren ganz selbstverständlich beim großen Bruder Jazzfest auf. Nun also eines der wichtigsten Ensembles, schade nur, dass trotz des weltumspannenden Namens des Ensembles bis heute keine weiblichen Stimmen Eingang in diesen reinen Männerbund gefunden haben.

Keine Kompromisse, volle Dröhnung

So stehen also diese gestandenen Kerle des Free Jazz auf der Bühne und was sie mit dem Publikum vorhaben ist nichts anderes als die volle Dröhnung. Voller Vorfreude, feixend und schulterklopfend kommen sie ins Rampenlicht. Kaum haben sie sich, durchbrochen von den beiden Schlagzeugern Paul Lovens und Paul Lytton, nach Holz- und Blechbläsern geordnet im Halbkreis aufgestellt oder hingesetzt, wie Altsaxophonist Ernst Ludwig Petrowsky, gibt es auch schon was auf die Ohren.

45 Minuten lang werden sich die 18 Musiker aus Italien (Daniele D'A Goro), England (Evan Parker), Polen (Tomasz Stanko), Deutschland (Manfred Schoof) nun einer gewaltigen Kakophonie hingeben, die zunächst ungeordnet erscheint, dann aber immer wieder neue Klangfarben annimmt. Denn einzelne Musiker oder auch kleine Gruppen treten nach vorne an die vier Mikrophone um zu solieren und stechen damit akustisch aus dem Gesamteindruck heraus. Auch gruppieren sich die Musiker immer wieder neu, entwickeln in der Gruppe eigene Ideen und die Klangstärke nimmt zwischendurch wie von Geisterhand ab und brandet ebenso ungeregelt wieder auf. Zwischendurch ist sogar mal das Klavier des Bandleaders Alexander von Schlippenbach zu hören, der sich am Ende von seinem Flügel erhebt und der gewaltigen Klangeruption des Orchesters mit einem Handstreich ein abruptes Ende bereitet.

Schluss mit einem Handstreich: Alexander von Schlippenach vor seinem Orchester. Foto: OHA

Wozu brauchen wir also diese Musik noch 50 Jahre nach ihrem Entstehen? Stellt man zum Thema Free Jazz nur die Geschmacksfrage, geht es nur um: Mag ich das freie Getröte und Gelärme oder nicht? Stattdessen muss man diese kompromisslose Musik, die mit ihrem Festhalten am Erreichten manchmal auch etwas Folkloristisches hat und die von einschlägien Festivals, Veranstaltern und Förderinstitutionen gepflegt wird, als Gleichnis auf unsere Zeit sehen.

Dort die Harmoniesüchtigen und Ordnungsliebenden (Ängstliche, Ultrakonservative, Rechtsradikale), die alles Unordentliche (Flüchtlinge, Globalisierung, Demokratie, Diskurs) vertreiben oder vernichten wollen, und hier auf der Bühne das Globe Unity Orchestra mit einer Feier der Unordnung, der Schönheit im Chaos, der Gleichheit von Ungleichen, der Vielstimmigkeit, der Gleichzeitigkeit von Unharmonischem und des ungehörigen Humors. Das gilt, auch wenn hier im Globe Unity Orchestra im Sinne eines echten Weltorchesters natürlich vieles fehlt: Frauen, nichteuropäische Kulturen, neuere Sounds. Und es gilt, obwohl es auch im Free Jazz viele ausgesprochene und unausgesprochene Verbote gibt oder gab.

Nach 50 Jahren noch Avantgarde?

Was diese Musik und dieses Ensemble auch nach 50 Jahren immer noch und erneut zu einem Avantgarde-Projekt macht ist folgendes: Diese Vielstimmigkeit, diesen Krach nicht nur zu ertragen, sondern ihn zu lieben, zu schätzen und zu schützen und zwar weltweit, das ist die Aufgabe der Avantgarde und damit ist nicht nur das Musikalische gemeint sondern explizit das Gesellschaftliche und Politische. Das Publikum des Jazzfest Berlin feiert am Ende das Globe Unity Orchestra mit stürmischem Applaus, hoffen wir, dass es den Krach, die Unordnung und das Vielstimmige in der Welt da draußen auch so sehr schätzt.
Oliver Hafke Ahmad


Jazzfest Berlin 2016

Kostbare Töne, Geheimnis, Gefahr

Das Jazzfest Berlin 2016 wurde eröffnet mit einer beeindruckenden Performance der Norwegerin Mette Henriette. Sie spielt nicht einfach , sie zelebriert Musik.

Berlin, 3.11.2016. Das Berliner Jazzfest wird nicht nur immer weiblicher mit in diesem Jahr mehr Bandleaderinnen als je zuvor, es dehnt sich auch zeitlich aus. Bereits am Dienstagabend performte die Saxophonistin Matana Roberts mit ihrem Projekt For Pina in dem nachgebauten Proberaum der Wuppertaler Tanzikone im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Bau.

Am Mittwoch folgte Michael Schiefel mit dem Wood & Steel Trio und Hanns Eisler's Hollywood Songbook. Der Weggefährte Bert Brechts und spätere Komponist der DDR-Nationalhymne emigrierte in den 30er Jahren nach Kalifornien und war dort produktiv. Der Berliner Sänger und Vokalartist Michael Schiefel hat sich dieses keineswegs einfachen und gefälligen Repertoires angenommen und daraus gemeinsam mit seinem virtuosen Ensemble ein kammermusikalisches Juwel gemacht. Farbenprächtige Marimba- und Vibraphon-Klänge von Roland Neffe zur Stahl-Gitarre von Christian Kögel, der sich den typischen Dobro-Klischees verweigert, untermauert vom konzentrierten Kontrabassspiel von Marc Muellbauer, der gleich zwei Auftritte beim diesjährigen Jazzfest hat.

Dazu die Countertenor-Stimme von Michael Schiefel, der mit sanft vibrierendem Wohlklang sich dem Publikum erst einzuschmeicheln weiß, um es dann mit exaltierten Geräuschimprovisationen und wilden Gesten, in denen er die Spieltechniken der Instrumente siner Kollegen nachahmt, zu überraschen und seine Mitmusiker scheinbar live zu sampeln, nur mit der Stimme, versteht sich. Der Abend endet mit Eisler's dank Sting wohl bekanntester Melodie „The Secret Marriage“, die Michael Schiefel aber mit deutschem Text singt.

Julia Hülsmann Quartett & Anna-Lena Schnabel. Foto: OHA

Der Donnerstag ist der erste Festivalabend im Festspielhaus. Kulturstaatsministerin Monika Grütters eröffnete mit einer Ansprache in der sie den Jazz als wichtige und neue Musik würdigte und dafür auch neue Fördergelder versprach, was die anwesenden Musiker sicher gern zu Kenntnis genommen haben. Mit dem Quartett der Pianistin Julia Hülsmann und der Saxophonistin Anna-Lena Schnabel kam nun das zweite von Frauen geführte Ensemble auf die Bühne. Hülsmann widerstand der Versuchung nun auf großer Festivalbühne effektheischende Soli zu spielen, die auf den anschließenden Applaus abzielen, sondern kreierte in Ihrem Spiel Klangfarben und Flächen, die den Trompeter Tom Arthurs und die junge Saxophonistin Anna-Lena Schnabel um so mehr hervorstechen lassen. Schnabel intoniert mit dunklem mittigem Ton und zeigt sich sowohl als lyrische, als auch impulsive Spielerin, insbesondere in ihrer rasanten Uptempo-Komposition „Burn Out“.

Mette Henriette - sparsame Linien, lyrischer Ton: Musik wie aus einem nordischen Traum. Foto: OHA

Eine Erscheinung wie von einer anderen Welt ist die norwegische Saxophonistin Mette Henriette, im Festspielhaus als zweite auf der großen Bühne. Musik wird bei ihr nicht einfach gespielt sondern zelebriert. Sie legt Wert auf stimmungsvolles Licht und außergewöhnliche Bühnengarderobe. In einer Pelzstola und auf hohen Hacken schreitet sie auf die Bühne den Blick irgendwo weit ins Jenseits gerichtet, hinter ihr ein elfköpfiges Ensemble mit Trompeten, Piano, Bandoneon, Violinen, Celli, Bass und Schlagzeug. Doch was nun folgt ist nicht etwa der so typische organisierte Überfluss an Tönen, den man sonst bei Großensembles auf dem Berliner Jazzfest hört, sondern es ist das Zelebrieren der Langsamkeit, der Sparsamkeit, der Stille. Es dauert lange bis aus Mette Henriettes Tenorsaxophon überhaupt der erste Ton zu vernehmen ist. Sie beginnt mit einem atemberaubenden Crescendo aus dem Pianissimo, in dem zunächst nur das Hauchen der Saxophonistin zu hören ist. Allmählich schälen sich kleine Melodien hervor, die in diesem Mangel an Überfluss plötzlich Ton für Ton unglaublich kostbar und bedeutungsvoll werden und im atemlos gespannten Auditorium nachhallen.

Fester Blick in die Weite der Musik: Mette Henriette. Foto: OHA

Plötzlich senkt sich ein halbdurchsichtiger Vorhang vor das gesamte Ensemble und raubt so den direkten Blick auf die junge Saxophonistin und ihre Mitspieler und vergrößert in dieser Inszenierung im violetten Halbdunkel die Aura von Geheimnis und Gefahr. Mette spielt hinter dem Gazevorhang, und von ihr ist kaum mehr als ein Schatten zu sehen, das Hören wird umso schärfer. Das Ensemble spielt eine freie Improvisation, Henriette legt langanhaltende lyrische hohe Töne darauf. Sie ist mit Ihrer Bühnenpräsenz und mit Ihrer Musik völlig aus der Zeit gefallen und dabei mehr als zeitgemäß und faszinierend. Muss man noch dazu sagen, dass das Doppel-Album zu dieser Perfomance beim Münchener Klangkunst-Label ECM erschienen ist?

Nicht minder schillernd, doch völlig anders ist Trompeter Wadada Leo Smith. Der bereits 1941 geborene Afroamerikaner mit dem Vollbart und den langen Zöpfen war einst Mitglied der Chicagoer AACM, die sowohl das afrikanische Erbe als auch den Blues, den Free Jazz und die Neue Musik miteinander zu einer explosiven Mischung zusammenbrachte. 2013 war er als Musiker für den eigentlich Journalisten vorbehaltenen Pulitzer-Preis nominiert. Im Berliner Festspielhaus zeigt sich Wadada Leo Smith als würdiger Nachfolger von Miles Davis. Er presst langanhaltende Töne ins am Boden stehende Mikrophon und spielt mit dem metallisch und spitz machenden Dämpfer.

Würdiger Nachfolger von Miles: Wadada Leo Smith. Foto: OHA

Der Schlagzeuger von Wadadas Great Lakes Quartet Marcus Gilmore hat gleich drei fußbetriebene Hihat-Ständer mit den entsprechenden Beckenpaaren in unterschiedlicher Größe und damit Tonhöhe vor sich und erzeugt mit Fußballen und Hacken einen hellen perkussiven Klangteppich, als wären mehrere Drummer auf der Bühne. Jonathan Haffner sekundiert mit Alto- und Sopransaxophon zu Smith Melodielinien in dem mit Kontrabassist John Lindberg klavierlosem Quartett. Freie Rhythmen, viele Einsätze von Melodielinien „on cue“ (auf Zeichen), lange durchdringende Schreie aus der Trompete, dies alles gehört zu der mehrseitigen Partitur, die Smith hier zur Aufführung brachte. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus, bevor die Unersättlichsten nach diesem bereits musikalisch überreichen Abend sich noch mit elektronisch verstärkten JazzRock-Klängen der finnischen Band Oddarrang auf der Seitenbühne amüsierten. Oliver Hafke Ahmad

Mehr über das Programm www.berlinerfestspiele.de


Love, oh Love!

Platingekrönt: Saxophonkollossus Kamasi Washington im Berliner Astra

Ein Nonett mit der Kraft eines Orchesters: Kamasi Washingtons Next Step. Foto: OHA

Berlin, 16.8.2016. Es ist der zweite Auftritt der Band The Next Step des Saxophonisten Kamasi Washington in Berlin. Bereits im vergangenen Herbst spielte die mit ihrem Debütalbum The Epic gefeierte Band eine ausverkaufte Show im Yaam. Dem Tenorsaxophonisten aus Los Angeles und seiner Band ist es seit der Veröffentlichung im Jahr 2014 gelungen sich gleich mit dem ersten Album einen Platz in der ersten Reihe der Jazzwelt zu erobern. Es ist ein Hammerschlag von 174 Minuten Länge und 17 Titeln in drei Teilen. Nun haben sie es mit 20.000 verkauften Exemplaren in Deutschland auch geschafft Platin-Status zu erreichen und waren zum zweiten Mal auf Tour in Deutschland mit Auftritten in Berlin und Hamburg. In ihren kraftvollen und schweißtreibenden Konzerten untermauern sie diesen Platin-Status souverän.

Washington belebt und modernisiert in seiner Musik das Genre des spirituellen Jazz derartig, dass neben epischen modalen Improvisationen und Free Jazz-Ausflügen auch Jazz Rock, Funk und Hip Hop einen selbstverständlichen Platz darin haben. Kamasi Washingtons Musik ist daher kein Retrosound sondern eine im Hier und Jetzt verankerte Musik, die in jedem Takt spirituelle Tiefe, existentielle Notwendigkeit und kämpferische Selbstbehauptung ausdrückt und damit weit in die Zukunft weist.

Eine Stimme voller Emotionen und Intensität: Patrice Quinn. Foto: OHA

Wie kleinmütig wirken all die sonst zurzeit das Jazzgeschehen dominierenden Duos und Trios neben diesem großzügig besetzten Ensemble: zwei Schlagzeuger, Bass, Tenorsaxophon, Sopransaxophon, Posaune, Gesang, Keyboards. Washington, der mit diesen Musikern teils seit seiner Kindheit zusammenspielt, erzeugt damit einen so großen Live-Sound, dass man vergisst, dass es auf dem Album auch noch eine große Streichersektion und einen Chor zu hören gibt.

Der Berliner Konzertabend beginnt mit einer Schrei-Orgie, Emotion pur aus dem Hals von Patrice Quinn und den Hörnern von Bandleader Kamasi, dem Posaunisten Ryan Porter und der Rhythmusgruppe. Vater Ricky Washington, stets mit auf Tour, kommt mit seinem Sopransaxophon erst später auf die Bühne. Der schlanke und melancholisch wirkende Saxophonist schaut seinen Sohn so an, als könne er selbst kaum glauben, was für einen Saxophonkoloss er da gezeugt hat.

It's a Familiy Affair: Kamasi's Vater Ricky Washington am Sopransaxophon. Foto: OHA

Washington beeindruckt nicht nur mit seinem Spiel, sondern auch mit seinem Äußeren, der riesigen Haarmähne, dem afrikanischen Hemd über dem stattlichen Bauchumfang und den vielen großen Ringen an den Fingern. Es ist das afrikanisierende Outfit der großen Musiker der Fire Music aus den 60er Jahren wie Pharaoh Sanders, John Coltrane oder Don Cherry. Mit Change of the Guard, einer Uptempo-Hardbop-Melodie beginnt das Konzert ebenso wie das Album. Kamasi setzt mit seinem ersten langen Solo Messlatte hoch: höchstes Energielevel, höchste Intensität, gemütliches Warmspielen gibt es hier nicht.

In Re Run mit einer orientalisch anmutenden Melodie kommt Ricky Washington dazu und Kamasi experimentiert mit einem Delay-Effekt und zeigt, dass man auch auf einem einzigen Ton solieren kann. Keyboarder Brandon Coleman nimmt seinen Moog Liberation Umhänge-Synthesizer in die Hand und feuert krasse elektronische Sounds ab. Das Stück beginnt jazzig, geht in einen Ska-Rhythmus über und landet bei einem Reggae-Groove. Mit Leichtigkeit wechseln die beiden Drummer Tony Austin und Robert Miller die Rhythmen von Jazz bis Hip Hop und Rock. Ihr Spiel kennt keine stilistischen Grenzen und vor allem keine Schwächen.

Groovt mit Kontrabass, Baskenmütze und goldenem Schulterstück: Miles Mosley. Foto: OHA

Malcolm's Day hat eine Rede am Grab des Bürgerrechtsaktivisten Malcolm X zur Grundlage, die Melodie stammt von Trompeter und Komponist Terence Blanchard. Patrice Quinn singt es mit der ihr eigenen unnachgiebigen Intensität und in eindringlicher Sopranlage. Bei den Worten „afro american“ ballt die gesamte Band die Faust. Auch dieses Lied, dieses Jazz Requiem, endet mit Schreien über den Verlust dieses politischen Führers und sicher auch die Folgen des bis heute anhaltenden Rassismus in den USA. Das Outfit des ganz in schwarz und mit schwarzer Baskenmütze bekleideten Bassisten Miles Mosley erinnert an die militärisch anmutende Uniform der Black Muslims aus den 60er Jahren, die damit ausdrücken wollten, dass sie nicht mehr bereit sind, nur mit Worten zu kämpfen. Mosley, dessen rechte Schulter mit einem goldfarbenen Metall bedeckt ist, beschränkt sich allerdings darauf mit seinem Kontrabass und einer stattlichen Effektpallette mitreißende Grooves und Basslinien abzufeuern.

Thematisch um einiges leichter, aber nicht minder intensiv geht es weiter mit einer funkigen Komposition von Keyboarder Brandon Coleman names Giant Feelings in der er ein weiteres Mal seinen Umhänge-Synthesizer zum Kreischen, Blubbern und Brodeln und das Publikum zum Rasen bringt und mit der Zeile „Love, oh Love“ in höchsten Falsett-Lagen singt. Anschließend zeigen die beiden Drummer in einem gemeinsamen Duo wo der Hammer hängt.

Nur einer von zwei Alleskönnern an den Drums: Tony Austin. Foto: OHA

In The Rhythm Changes kommt noch einmal Patrice Quinns Stimme zum Einsatz, es hat die Zeile „It seems no matter what happens, I'm here“ und erzählt von „our love, our beauty, our genious, our words, our triumph, our glory“ und feiert das Leben im Hier und Jetzt. Schwer beeidruckt hinterlässt die Band das Berliner Publikum und lässt sich am Ende für diese musikalische Messe feiern. Kamasi Washington Enemble ist das derzeit eindrucksvollste Ensemble aus den USA, das in der Lage ist, sowohl ein jüngeres eher an Neo Soul, HipHop oder Elektonik interessiertes Publikum, als auch das klassische Jazzpublikum zu erreichen und ist unbedingt sehens- und hörenswert. Oliver Hafke Ahmad

Stellt viele Elektronikfrickler in den Schatten: Brandon Coleman am Moog Liberation. Foto: OHA

Tourdaten, Musik-Links und mehr: www.kamasiwashington.com


Branford Marsalis Quartet & Kurt Elling in Neuhardenberg

Nostalgische Klänge von übermorgen

Erstmals gemeinsam: Branford Marsalis und Kurt Elling. Foto: OHA

Berlin, 8.7.2016. Die Stiftung Schloss Neuhardenberg lud zum alljährlichen Open-Air-Konzert im Sommergarten ins Märkisch-Oderland und hatte ein echtes Jazz-Highlight zu bieten: Das Quartett des Saxophonisten Branford Marsalis plus Sänger Kurt Elling. Gemeinsam haben die beiden gerade das in New Orleans aufgenommene Album Upward Spiral (Okeh / Sony) veröffentlicht und damit erstmals zusammengearbeitet. Der aus der New Orleanser Musikerfamilie stammende Branford Marsalis hat durch seine Zusammenarbeit mit dem Sänger Sting (Englishman in New York) einst Weltruhm erlangt, und bezeichnet den aus Chicago stammenden Kurt Elling als einen der zurzeit wichtigsten Jazzsänger.

Elling hatte zuletzt in Berlin beim Jazzfest einen desaströsen Auftritt, der allerdings nicht durch seine auch dort tadellosen Gesangskünste, sondern durch die politisch-historische Fehlinterpretation der damaligen (westdeutschen und amerikanischen) Leiter des Radio-BigBand-Projekts verursacht wurde, die den Mauerfall ausschließlich dem Wirken amerikanischer und russischer Präsidenten zuschrieben und dabei die Montagsdemonstrationen und mutigen „Wir sind das Volk“-Rufe vergaßen, was vom zunächst aufmerksamen und dann immer empörteren Jazzfest-Publikum mit deftigen Buhs quittiert wurde und am Ende vom damals völlig überraschten Kurt Elling ausgebadet werden musste.

Nun ein Auftritt Kurt Ellings mitten im neuen Osten, in Neuhardenberg einem der bestrenovierten Schlösser der Gegend, auf einem wohldotierten Sommerevent umgeben von einigen Hundert treuen Fans, alten Bäumen, gepflegtem Rasen und ebensolcher Gastronomie. No politics scheint das Motto des Abends in dieser Idylle zu sein. Der afroamerikanische Bandleader Branford Marsalis erwähnt in seinen Ansagen die aktuellen Ereignisse rund um Rassismus, Polizeigewalt und Gegengewalt in den USA mit keinem Wort, aber so richtig gut gelaunt wirkt er auch nicht, ob es am Tourstress oder an den aktuellen Ereignissen liegt, erfährt man nicht. Wozu auch ein Wort verlieren über diesen Wahnsinn? Marsalis' Band-Line-Up spricht schließlich Bände. Afroamerikaner (Marsalis selbst, Bassist Eric Reevis und Drummer Justin Faulkner) und Italoamerikaner (Pianist Joey Calderazzo) oder der möglicherweise deutschstämmige Musiker (Kurt Elling) spielen gleichberechtigt miteinander, so what? Diese Normalität haben sich Jazzmusiker bereits seit den 50er Jahren erkämpft, sie wird nun heute wieder von Scharfmachern (im Sport, in der Politik, in unseren Nachbarschaften) angezweifelt.

Bariton mit Intelligenz, Intensität und Geschmack: Kurt Elling. Foto: OHA

Zweifel an der musikalischen Qualität eines solchen Ensembles kommen nicht eine Sekunde lang auf. Marsalis beginnt mit einem Uptempo-Instrumental-Stück, in dem das Quartett gleich zu Beginn zeigen kann, wo der Jazz-Hammer hängt. Dann kommt Kurt Elling auf die Bühne, wie immer im smarten Anzug mit farbigem Einstecktuch und charmantem zugleich einnehmenden und selbstironischen Lächeln. Elling ist der George Clooney des Jazz, stets die eigene Rolle als zurzeit meistgefeierter Jazz-Crooner durchschauend und gleichzeitig voller musikalischer Intelligenz zelebrierend. Kaum beginnt er There's A Boat Dat's Leaving Soon For New York aus Gershwin's Oper Porgy & Bess zu singen, eine mitreißende Auswanderernummer, fliegen auch schon die Noten vom Ständer, danach Regen, Blitz und Donner. Es folgt die nostalgische Ballade Blue Gardenia, die Elling mit zart schmelzendem Timbre singt und Branford am Tenorsaxophon ebenso zart ergänzt, das Publikum schmust unter bunten Regenschirmen auf die der Regen prasselt. Dann noch ein letzter Versuch mit dem Jobim-Bossa Só Tinha de Ser Com Você die dunklen Wolken zu vertreiben, aber die dicken Tropfen lassen keine Chance, und erst nach einer halben Stunde Pause kann es unter dem nun wieder blitzblauem Himmel weitergehen.

Die zweite Konzerthälfte beginnt mit From One Island to Another, einer hymnischen Melodie vom neuen Album, die in ein expressives Sopransax-Solo von Branford Marsalis mündet, das angefeuert wird von Justin Faulkner's Drums und vor allem Crash-Becken. Den Puls beruhigen kann das Neuhardenberger Publikum dann bei der Sting-Ballade Practical Arrangement in der Elling um die Liebe einer Frau fleht und mit allerlei Argumenten, wie einem warmen Haus und zunächst getrennten Betten wirbt, die Liebe würde mit der Zeit dann schon kommen. Kurt Elling, der umschwärmte Star mit Ehering am Finger, singt dieses nach Zweisamkeit sehnende Lied, als wäre es seine eigene Geschichte und das ist es wohl was die Qualität dieses außergewöhnlichen Sängers ausmacht.

Auch in I'm A Fool To Want You hängen wir an seinen Lippen, es erklingt als Duo von Tenorsaxophon und Stimme. Marsalis umkreist Ellings Bariton, begleitet sie in Harmonien ein Stück, bietet mal ein Fundament, dann wieder eine Antwort auf eine Phrase. Es ist ein Glanzstück an Emotion und feinem Gespür für Sound, Timbre und Spielwitz.

Auch ohne Sänger hörenswert: Das Branford Marsalis Quartet. Foto: OHA

Der Abend wird beendet mit einer Hommage an New Orleans: St. James Infirmary, in der Marsalis sein Soprano an Sidney Bechet erinnern lässt und Kurt Elling ein nach Trompete klingendes Solo über eine Marschmusik artig rollende Snare Drum singt. Beglückt fährt der Autor durch die Brandenburger Nacht zurück in die Hauptstadt und lässt die hochvirtuosen Musiker und Bewohner der Weltmetropole New York auf Ihrer Tour durch die europäischen Festivals in dem weißen Schloss im Märkisch-Oderländer Nirgendwo zurück.

Das Publikum in Deutschland muss sich noch bis März und April 2017 gedulden, erst dann wird es dieses Ensemble, das in jeder Pore Jazz von vorgestern bis übermorgen atmet, bei einer Karsten-Jahnke-„Jazz Nights“-Tournee zu erleben sein.
Oliver Hafke Ahmad

marsalismusic.com
kurtelling.com/
spotify.com
kj.de
schlossneuhardenberg.de


Beseelte Stimme über fetten Bässen

Strahlt ihre Band an ebenso wie ihr Publikum: Astrid North. Foto: OHA

21.5.2016, Berlin. Die Bar jeder Vernunft, das legendäre schummrige Kleinkunstzelt nahe dem Kudamm, ist nicht gerade der typische Auftrittsort für eine deutsche aber auf Englisch singende Soul- und Rockstimme. Die Berlinerin Astrid North, einst Frontfrau der Cultured Pearls, hat hierher zum Pre-Release-Konzert für ihr neues Album „Precious Ruby“, das im Spetember erscheinen soll, geladen. Es ist erst das zweite Album nach ihrem Solodebüt „North“ von 2012.

Die Message ist klar, North sucht einen niveauvollen Ort, an dem sonst eher der Text im Mittelpunkt steht, daher nicht unbedingt verkehrt für eine Singer-Songwriterin, die sich selbst am Klavier begleitet und ihre Texte offensichtlich ernst nimmt. Und das alte holländische Spiegelzelt hat eine kuschelige Atmosphäre, die sich äußerst gut mit der Schwermut der meisten der Stücke von Astrid North verträgt. Das Tempo ist zumeist gedrosselt und schwankt zwischen langsam und sehr langsam, aber die Bässe des teils akustischen, teils elektronischen Schlagzeugs wummern ultrafett, wie aus dem gepimpten Kofferraum eines Car-Hifi-Freaks.

Muss sich mit dieser Stimme nicht hinter dem Klavier verstecken. Foto: OHA

Über diesem massiven Grund, teils von wuchtigen, abwärts stürzenden Bassdrum-Samples verstärkt, wehen reduzierte Cellolinien von der ansonsten fröhlichen Illay Chester, weite Synthesizerflächen vom zweiten Keyboarder (Sebastian Demmin), sparsame Klavierakkorde aus der Hand der Bandleaderin und vor allem Astrid Norths minutiös kontrollierte Soulstimme.

Vom zarten Flüstern, zum gospeligen Ausrufen, zu himmlischen Refrains (später auch ergänzt um zwei Choristinnen) nutzt North die gesamte Pallette stimmlicher Klangfarben. Sechzehn Songs hat sie mitgebracht, darunter auch einige ältere Stücke, mit denen sie ihr Publikum mal zum Mitstampfen, mal zum Mitsingen („How Beautiful You Are“) animiert. Bei aller Schwermut in der Musik ist die Stimmung zwischen den Songs äußerst ausgelassen und Drummer Benny Glass erweist nicht nur als musikalischer Sidekick. Eine Komposition widmet North Ihrer Großmutter („Precious Ruby“), eine weitere Ihrer Schwester („Delilah“).

Ungewöhnliche Besetzung: Gesang, zwei Keyboards, Cello und Drums. Foto: OHA

Wenn man überhaupt etwas zu kritisieren hat an diesem beseelten Abend, dann ist es nur dieses thematische Übermaß an Privatheit und Innerlichkeit in diesen gesellschaftlich und politisch bewegten Zeiten. Und eigentlich würde man sich sogar mehr deutsche Textzeilen von ihr wünschen, Astrid Norths Publikum wäre möglicherweise zumindest hierzulande um einiges größer und das hätte eine der besten deutschen Sängerinnen sicher verdient. Auf ihr neues Album darf man nun gespannt sein. OHA

www.astridnorth.com


Vorboten arabischer Entspanntheit, Offenheit und Toleranz

6.5.2016. Mit Mashrou' Leila kam am Anfang Mai erstmals die erfolgreiche libanesische Indieband nach Berlin ins Yaam.

Die fünf ehemaligen Studenten der American University von Beirut hatten sich 2009 in einem Musik-Workshop kennengelernt und haben seither drei Studio-Alben und eine EP veröffentlicht. Ihre Musik ist ein sehr international, also britisch, afroamerikanisch, teils sogar lateinamerikanisch klingender Mix aus Rock, House, R&B und Electro.

Wer bei Ihnen arabisches Lokalkolorit sucht wird kaum fündig. Die Rhythmen sind Vierviertel, meist sehr gerade Backbeats, arabische Perkussion sucht man vergebens. Lediglich die Sprache und manche melodische Floskel der Violine des Armeniers Haig Papazian erinnern an die orientalische Herkunft. Ansonsten präsentiert sich Mashrou' Leila wie eine westliche Rockband. Jeans, T-Shirt, Gitarre, Bass / Bass-Synthesizer, Schlagzeug und ein paar Laptops, mit diesem Equipment sind sie weltweit Klub und Festival tauglich und touren durch arabische Länder, Europa und die USA.

Das Publikum ist von Anfang an euphorisiert über die Anwesenheit der Band in Berlin und aus nur einem geplanten Konzertabend werden dank großer Nachfrage schnell zwei. Junge arabisch-deutsche Frauen mit und ohne Kopftuch neben heterosexuellen aber auch offen schwulen arabischen Männern, die sich hier im Yaam nicht verstecken müssen, denn der Sänger Hamed Sinno lebt ihnen diese Offenheit vor. Mit seinem Schnurrbart, seinem ärmellosen Shirt und seinem großen Stimmumfang erinnert der studierte Graphiker sicher nicht unabsichtlich an Queens Freddy Mercury.

Mashrou' Leila ziehen mit ihrer Musik und ihren Texten ein offenes und tolerantes deutsches, arabisches und sogar israelisches Publikum an. Die Stimmung ist ausgelassen und es wird getanzt und lauthals mitgesungen zu den Stücken des neuesten Albums „Ibn El Leil“, wie z.B. „Dijn“ mit seinem Ooooh-Oh-Oh-Oh-Oh-Refrain oder zu „Icarus“ mit seiner ohrwurmartigen Melodie und dem funkigen Bass. Musikalisch sind sie auf der Höhe der Zeit und verzichten auf allzu aufgesetzte weltmusikalische Stilmixe. Mashrou' Leila sind die Vorboten eines anderen Orients, eines Orients der Entspanntheit, der Toleranz, des Miteinander und des gegenseitigen Respekts. Möge ihre eindringliche Musik all den Intoleranten, Faschistoiden und Terroristen die Waffen verstopfen und die Seelen öffnen.

http://www.mashrouleila.com/

Aktuelles Album „Ibn El Leil“. Im Juni 2016 auf Tour in den USA und Kanada.

Text und Fotos: Oliver Hafke Ahmad


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Mehr Infos und Links zum Album unter www.oliverhafkeahmad.de


Saxophonexzentrik plus Orchester

James Carter bei der Eröffnung des Ultraschall Festival 2016

Zwei Saxophone, ein Meister: James Carter. Foto: OHA

Berlin, 20.1.16. Am Mittwochabend eröffnete das diesjährige Festival für Neue Musik Ultraschall Berlin im Sendesaal des RBB. Auf dem Programm des Festivals der öffentlichrechtlichen Kultursender Deutschlandradio Kultur und RBB Kulturradio standen vier Werke zeitgenössischer amerikanischer Tonkünstler und als Highlight des Abends ein symphonisches Konzert mit dem Jazzsaxophonisten James Carter, der zeigte, dass er sich auch auf einer klassischen Konzertbühne nicht nur behaupten kann, sondern auch treu bleibt.

Das Programm beginnt mit dem Werk „Musica Celestis“, 1990 als Teil eines Streichquartetts komponiert von dem damals 30jähigen Aaron Jay Kernis und später umgeschrieben zum Orchestersatz. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Kristjan Järvi ist hier zunächst reduziert auf seine Streicher. Die beginnen in allerhöchster Lage wie in Zeitlupe, bevor die Kontrabässe mit gezupften Einwürfen den Wohlklang durchbrechen. Würde man den Dirigenten nicht sehen, käme dem Zuhörer dieses Stück im besten Sinne zeitlos vor, die Zeit steht still, die Geigen streben himmelwärts, dorthin wo die Engel singen, worauf der Titel des Stücks anspricht.

Bach-Melodie zwischen Clustern

Nach diesem quasireligiösen Auftakt macht sich das DSO ans Werk, das Klavierkonzert „The Circle and the Child“ des New Yorker Komponisten Philip Lasser aufzuführen. Es beruht auf einer Linie die einem von Johann Sebastian Bach bearbeiteten Kirchenlied entnommen ist. Lasser hat das dreisätzige Werk für die versierte Bach-Interpretin Simone Dinnerstein geschrieben. Es ist eine klangfarbenfrohe Komposition mit einer sehr konzentrierten und geradezu verinnerlicht agierenden Solistin am Konzertflügel. Atonale Einwürfe verhindern im zweiten Satz das Abdriften ins allzu süßliche und gefällige. Das Werk pendelt etwas unentschieden zwischen Wohlklang und einer Prise Klangschärfe.

Der russischstämmige in New York aufgewachsene Komponist, Librettist, Gitarrist, Rapper, DJ und Plattenproduzent Gene Pritsker ist offensichtlich ein Multitalent. Sein Werk „40 Changing Orbits“ aus dem Jahr 2012 beginnt als zarter Walzer, dessen Flöten- und Streicherseligkeit bald von widerborstigen Kontrabasslinien gestört wird. Das ergänzende Jazz-Schlagzeug spielt einen Beat auf den TomToms, ein Backbeat setzt ein. Streicher, gedämpfte Trompeten und Flöten erzeugen einen teils weltmusikalisch teils minimalistisch anmutenden jazzrockigen Sound. (Siehe auch youtube)

James Carter begeistert auch seine Kollegen vom DSO.

Ganz zum Schluss des Abends betritt Saxophonist James Carter die Bühne. Carter ist seit seiner Zeit als Mitglied in der Band von Lester Bowie der Jazzwelt bekannt als außergewöhnlicher Exzentriker und Virtuose am Saxophon. Jazz, Blues, Free Jazz, Noise: Carter bedient in seinem Spiel alle Facetten, spielt mit Witz und Leidenschaft. Er kann in der einen Sekunde sein Publikum mit elegantem Vibrato und strahlendem Ton umgarnen um es in der nächsten Sekunde mit einem krassen multiphonem Schrei zu erschrecken oder mit schmatzendem Entenschnattern zum Lachen zu bringen. Gar nicht zu reden von der unglaublichen Spieltechnik, der Erfindungsgabe und dem reichen Zitatenschatz in der Improvisation. Carter ist ein Phänomen und das spielt die Komposition „Concerto for Saxophones“ des Puerto Ricanischen Komponisten Roberto Sierra voll aus. Das ist zum einen die Stärke, gleichzeitig auch die Schwäche des Stücks, denn Carter muss hier einfach nur er selbst sein, er muss nicht über sich hinauswachsen, wird nicht wirklich in neuem Licht gesehen.

Es ist ein mitreissendes Stück, das sagt, seht her wie toll der Jazz ist, hört her wie großartig dieser Saxophonist ist und es würdigt damit vor dem klassischen Konzertpublikum den Jazz an sich und die Jazzmusiker als Ganzes. Das funktioniert auch im RBB-Sendesaal. Es ist vor allem James Carter auf den Leib geschrieben, kaum vorstellbar, dass sich da bald jemand anderes heranwagt.

Maßgeschneidertes Tribut an den Jazz und den Solisten

Von der ersten Minute an begeistert Carter nicht nur das Publikum, sondern auch seine Mitmusiker, die Orchestermitglieder des DSO, die nur so staunen, wenn Carter auf Tenor- und Sopransaxophon richtig loslegt. Carter trägt zwar Fliege und Frack, ansonsten ist er aber der gleiche unberechenbar expressive Solist, der er auch schon bei Lester Bowie war und es in seinen eigenen Bands seither weiterhin ist. Carter kann im klassischen Kontext bestehen, ohne sich selbst und seine Wurzeln im Jazz zu verleugnen.

Roberto Sierras Werk von 2002 verlangt vom Solisten einiges ab, himmelstürmende Linien auf dem Sopransaxophon, aus der Tiefe aufsteigende Gesänge am Tenor, Freiheit in der Improvisation und filigran diszipliniertes Zusammenspiel mit dem Orchester. Carter bringt mit seinem durchdringenden Sound das Orchester zum rocken und swingen, zeigt sämtliche spieltechnischen Möglichkeiten vom Anbeginn des Jazz bis heute und wirft wie mit dem „Wiener Walzer“ von Johann Strauss Zitate aus der Klassischen Musik ein. Das gefällt dem Publikum natürlich derart gut, dass es höflich um eine Zugabe bittet und auch erhält.

Oliver Hafke Ahmad

Die hier genannten Konzerte kann man am 6.2.2016 ab 20:04h im Kulturradio des RBB nachhören.

20.1. bis 24.1.2016 Ultraschall Berlin - Festival für Neue Musik – www.ultraschallberlin.de


Filigrane Berserker im Schützengraben

Die Einstürzenden Neubauten besingen die "Kriegsmaschinerie": Alexander Hacke, Blixa Bargeld und N.U.Unruh

In „Lament“ einem Auftragswerk zum Thema Erster Weltkrieg zeigen sich die Einstürzenden Neubauten als vielseitige und sensible Künstler

Berlin, 27.12.2015. Es ist ein Weihnachtsprogramm der besonderen Art, das am Ende des Jahres 2015 im Berliner Radialsystem stattfindet. Vier Tage lang (vom 25. bis 28.12.) führen die Einstürzenden Neubauten ihre Auftragskomposition „Lament“ auf. Der Erste Weltkrieg ist das Thema der Komposition, dass vom Belgischen Flandern aus Anlass der hundertsten Jahrestages des Kriegsbeginns im vergangenen Jahr an die Berliner Band in Auftrag gegeben wurde. Flandern war einer der Hauptschauplätze des blutigen Geschehens.

Die Musikinstrumente sind vor einer großen weißen Leinwand aufgebaut. Rudolf Mosers Schlagzeug steht ganz rechts vor einem riesigen Blech, das die Snaredrum ersetzt. Eine lange Sprungfeder hängt herunter, eine weitere hängt quer. N.U. Unruhs Kleinpercussion mit Ketten und gespannten Drähten ist ganz links auf einem Podest aufgebaut. Zwischen den beiden Schalgwerkern sitzt das Streichquartett unter der Leitung von Jan Tilmann Schade, dahinter ein weiterer Keyboarder (Felix Gebhard). In der Mitte der Bühne ist eine große Arbeitsfläche auf der nach und nach Röhren, Bleche und Kisten zum Klingen gebracht werden. Das Licht ist klinischweiß, wie der Hintergrund und der Boden und so bleibt es fast den ganzen Abend. Wer ein multimediales Spektakel mit Filmen, Fotos und Animationen zum Ersten Weltkrieg erwartet hat, wird enttäuscht, die Band setzt konsequent auf die Wirkung ihrer Musik, die Bilder dazu entstehen nur im Kopf der Zuhörer.

Gewaltiger Krach zu Beginn

Der Abend beginnt mit dem Stück „Kriegsmaschinerie“, gewaltigem Krach von teils mannsgroßen Blechteilen, die Alexander Hacke und N.U. Unruh in der Blechchwanne bearbeiten. Jochen Arbeit erzeut düstere Klangfächen von seiner halbakustischen Jazzgitarre. Es ist der Sound, den man bei einem Konzert der Neubauten erwartet. Blixa Bargeld barfuss und in schwarz glitzerndem Anzug hält Schilder hoch auf denen Sätze stehen wie: „Der Krieg bricht nicht aus. War nie gefangen oder angekettet.“

Doch schon das nächste Stück „The Willy-Nicky-Telegrams“ lässt die Neubauten klingen, wie eine zeitgenössisches Danceprojekt. Vocodereffekte lassen den brisanten englischsprachigen elektronischen Briefwechsel zwischen den beiden Cousins (dem deutschen Kaiser Wilhelm und dem russischen Zaren Nicholas) wie eine banale Whatsup-Kommunikation wirken. Bargeld singt die Telegramme des Kaisers, Hacke die Texte des Zaren. Es geht in ihnen in Wirklichkeit um nichts geringeres als Krieg oder Frieden.

Flämische Poesie aus dem Schützengraben

Schreie gegen den Krieg: Sänger und Poet Blixa Bargeld

Dass diese Kommunikation nicht zum Frieden geführt hat, erfährt der Zuhörer im nächsten Stück „In de Loopgraaf“, in dem Unruh auf eine „Stacheldrahtharfe“ hämmert und Bargeld Schützengrabentexte des flämischen Schriftstellers Paul van den Broeck verarbeitet. Der Erste Weltkrieg und der allmähliche Eintritt immer weiterer Kriegsparteien wird in dem Stück „Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)“ thematisiert. Hacke, Unruh und Moser bearbeiten eine Reihe von Abflussrohren, die jeweils für eine Kriegspartei stehen. Jeder Beat steht für einen Krie gstag und jede Tanzbewegung für 1000 Tote. Jochen Arbeit ergänzt Gitarrendrones und Bargeld sagt nüchtern immer neue Kriegsteilnehmer an. „Seid froh, dass wir nicht den 30jährigen Krieg vertont haben“, beendet Bargeld dieses dadaistische Musikstück.

Im Song „Achterland“ spielt Alexander Hacke zwei Bässe aus Krücken und Rudolf Moser lässt Munitionshülsen erklingen, wie indische Klangschalen. Ein Rumpelbeat und die Stimme von Blixa Bargeld klingt wie von Tom Waits. Das Licht färbt sich Giftgasgrün.

Munitionshülsen werden zu Klangschalen

Gleich mit zwei Stücken werfen die Neubauten ein Licht auf die Harlem Hellfighters, Musiker der afroamerikanischen Kampfbrigaden: „On Partol in No Man's Land“ und am Ende „All Of No Man's Land Is Ours“. Die Neubauten machen aus dem frühen Jazz der Frontkämpfer und Militärmusiker einen kraftvoll düsteren Rock inbrünstig gesungen aus tiefen Bruststimmen.

Blixa Bargeld mit Textzeile aus "Kriegsmaschnierie"

„Die Mächtigen lieben den Krieg“ singt Bargeld im Titelsong „Lament“, die Neubauten werden zu einem Chor aus lang anhaltenden Tönen. Schließlich beginnen Tonaufnahmen historischer Wachswalzen aus Minilautsprechern, die vor die Mikrofone gehalten werden zu knistern. Die Wachswalzen sind die einzigen Tonaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, auf ihnen mussten Kriegsgefangene ihre Sprache, heimische Lieder und Gedichte für die deutschen Ethnologen in der Gefangenenlagern festhalten.

Filigran und verletzlich zeigen sich die Neubauten und Blixa Bargeld auch im eindringlichen Stück „How Did I Die“ . Im Lied „Sag mir wo die Blumen sind“ steht Bargeld in einem weißen Papierkleid vor einer blutroten Leinwand und beweist seine Qualitäten als Chansonnier. Das Lied beginnt als Duo zwischen Stimme und dem Thunderbirdbass von Alexander Hacke, nach und nach kommen Gitarre und Percussion hinzu, dass große Schlagzeugblech wird zart mit Jazzbesen gestrichen.

Ein letztes Mal werden die Plastikröhren aufgebaut und im Rhythmus mit Druckluft bestrichen. „Ich gehe jetzt“ heißt der letzte Song des Abends: „Nach mir die Härte, die Dürre, die Flut. Es wird Zeit, dass sich die Erde endlich versteht.“

„Lament“ ist eine beeindruckende Performance gereifter Musiker, die in der Lage sind, mit ihren ureigenen Stilmitteln ein großes Thema künstlerisch zu bearbeiten.

Fotos und Text: Oliver Hafke Ahmad

25.12. bis 28.12. Einstürzende Neubauten "Lament"
31.12. Einstürzende Neubauten "Greatest Hits"
Radialsystem Berlin, www.radialsystem.de


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Der aktuelle musikalische Kommentar zu Internetspionage und Big Data gepaart mit einer Hommage an die legendären Kraftwerk. www.nationalsoundagency.de


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